"Bei Nebenwirkungen sollte man die Pille wechseln"

Prof. Gabriele Merki, Leiterin des Bereichs Empfängnisverhütung am Unispital Zürich, steht voll und ganz hinter der Pille – ausser sie wird Frauen verschrieben, für die sie nicht geeignet ist.

Von: Marie Hettich

Bild: Maud Chalard Werft einen Blick in die 20-Minuten-Boxen! Im Heft erscheint heute unser grosses Verhütungsdossier.
08 Sep '17
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Frau Merki, woran liegt es, dass immer weniger Antibaby-Pillen verkauft werden? Hauptsächlich daran, dass es statistisch weniger junge Frauen gibt als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Gleichzeitig ist das Spektrum an Verhütungsmitteln grösser geworden – viele verhüten also beispielsweise mit der Spirale, dem Nuvaring oder Hormonpflastern.

Dann hat der Rückgang nichts damit zu tun, dass Frauen keine Hormone mehr einnehmen wollen? Nur minimal. Frauen sind sicher kritischer geworden – zumindest in Ländern, in denen es kein Problem mit Teenie-Schwangerschaften gibt. Das hat auch mit der nicht immer sachlichen Berichterstattung in den Medien zu tun. Trotz allem ist die Pille nach wie vor das weltweit am meisten angewandte Verhütungsmittel.

Zu Recht? Absolut. Sie ist schwächer dosiert als früher und bei richtiger Anwendung sehr sicher. Ausserdem sind mittlerweile zwanzig verschiedene Pillen auf dem Markt, zum Teil auch ohne Östrogen – also genügend Auswahl, wenn die Patientin dauerhaft unter Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Brustspannen oder Lustlosigkeit leidet.

Was sagen Sie zur Studie der Uni Kopenhagen, die ergeben hat, dass die Pille das Risiko erhöht, an einer Depression zu erkranken? Wir von der Europäischen Gesellschaft für Empfängnisverhütung haben dazu eine Stellungnahme veröffentlicht – wie auch zur Studie aus Rotterdam über die psychischen Nebenwirkungen der Hormonspirale. Um es kurz zu machen: Die beiden Studien sind qualitativ sehr schlecht und sagen deshalb gar nichts aus.

Sie klingen wie eine grosse Befürworterin der Pille. Halten Sie die Einnahme wirklich für so unbedenklich? Extrem wichtig ist, dass sich Gynäkologen an die vorgegebene Risiko-Checkliste halten und sie nur Frauen verschreiben, für die sie geeignet ist. Also beispielsweise niemandem, der ein erhöhtes Thromboserisiko hat. Ausserdem sollte sie auch nicht bloss wegen schlechter Haut oder starken Mens-Schmerzen verabreicht werden – selbst für Endometriose gibt es mittlerweile andere Möglichkeiten. Auch wenn nur drei bis fünf von 10000 Frauen jemals eine Thrombose bekommen: Die Pille ist in erster Linie zur Schwangerschaftsverhütung da.

Ist es nicht unfair, dass es immer noch keine Pille für den Mann gibt? Die Frage, die sich die Pharmaindustrie zu Recht stellt, ist: Würden sich Frauen bei der Verhütung überhaupt komplett auf den Mann verlassen wollen?

Prof. Gabriele Merki ist Leiterin des Bereichs Verhütung und Jugendgynäkologie am Universitätsspital Zürich sowie Präsidentin der Europäischen Gesellschaft für Kontrazeption.

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