Warum das Rave-Revival genau richtig kommt

Die Techno-Kultur feiert ein Comeback in der Mode-, Kunst- und Musikszene. Hinter der trendigen Ästhetik steht eine politische Message, die perfekt in unsere Zeit passt.

Von: Melanie Biedermann

Warum das Rave-Revival genau richtig kommt
Bild: Shutterstock Raven steht damals wie heute für den Wunsch nach Freiheit.
11 Aug '17
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Yin Yangs, Smiley Faces und Raver-Styles – das Internet ist voll davon. Social-Media-Celebs feiern Micro Shades und Matrix-Kluft, die Kunst Acid-Symbolik. Visuell ist die Techno-Ära da wie nie.

Ein 90s-Comeback wie wir es in letzter Zeit zuhauf sehen. Die meisten dieser Nostalgiewellen sind reine Ästhetik, doch die neue Club-Kid-Welle trifft den Zeitgeist wie kaum eine andere. Sie hat das Potenzial mehr zu sein.

Berlin hats vorgemacht

Man muss sicher zweimal hinschauen, um die Tiefe im Techno zu entdecken. Dass es sie gibt, zeigt die Geschichte: Als die Berliner Szene Ende der 80er-Jahre entstanden ist, war Deutschland gespalten – physisch zwar nur von einer Mauer, ideell und kulturell jedoch um Welten. Der Techno einte Ost und West bereits vor der Wende.

Piratenradios hatten die Wohnzimmer und Club-Keller auf beiden Seiten beschallt und ohne es zu merken, einen Raum für eine gemeinsame Identität geschaffen: Raver, die trotz gegensätzlichen Werten und Weltbildern nebeneinander existieren und in der Musik und dem damit verbundenen Eskapismus einen gemeinsamen Nenner finden.

Die Unsicherheit ist global, Raven ein gutes Ventil

Die Szene brodelt auch heute meistens an Orten, wo die Regierung restriktiv und die Zukunft mindestens unsicher ist. Ein Extrem-Beispiel zeigt die Doku "Raving Iran" (heute Abend, 22.25 Uhr auf SRF), in der Regisseurin Susanne Meures dem DJ-Duo Blade&Beard von Teheran an einen Wüsten-Rave, ins Gefängnis und schliesslich ins Schweizer Exil folgt.

Der Film hat Wellen geschlagen und spiegelt das Lebensgefühl unserer Zeit: Wir haben Angst und wollen frei sein. Putin, Trump und Terror, eine bröckelnde EU und jahrelange Kriege ohne absehbares Ende haben auch im lange sorgenfreien Westen Zukunftsängste geschürt. Die sind nicht immer existenziell, aber deswegen nicht weniger real. Eskapismus ist heute ein kollektives Bedürfnis. Techno etabliert sich gerade weltweit als Ventil.

Erst Sub-, dann Pop- und Hochkultur

Szenen in Kiev, Glasgow und ganz England tun sich zusammen, um ihre Raves weiter illegal zu feiern. Auffällig viele Frauen experimentieren mit den harten Beats: Emma Burgess-Olsons (aka Umfang), DJ und Produzentin aus New York, schreibt sich das Label Technofeminism auf die Fahne. Die Kanadierin Marie Davidson mischt eine rohe, das norwegische Duo Smerz eine pop-freundliche R’n’B-Variante. Ein Statement im männerdominierten Business. Und ein Freiheitsschlag.

Gleichzeitig stellen renommierte Museen wie das Tate Modern in London und die Basler Fondation Beyeler mit Wolfgang Tillmans quasi den Chronisten der frühen Techno-Jugend aus.

Die Wertschätzung für die Untergrundkultur ist inzwischen so offiziell, dass Berlin seinen international gefeierten Club Berghain vergangenes Jahr offiziell zur Kulturstätte ernannte. Ein knappes Jahr später setzte das Bundesamt für Kultur die Zürcher Technokultur auf die Liste der lebendigen Kulturen in der Schweiz.

Raven steht für Werte, die wir gerade heute leben sollten

Die Club-Szene führt heute Mainstream-Debatten. Und das ist gut so. Denn die Rave-Kultur ist entgegen der verbreiteten Meinung eben weit mehr als narzisstischer Hedonismus und Drogenrausch. Und sie ist ohne Zweifel mehr als platte Ästhetik.

Denkt man das Berliner Beispiel in der globalisierten Welt, erkennen wir vielleicht, dass all unsere Hautfarben, Kulturen, Ideale, Weltbilder und jeder denkbare Kleiderstil der Welt schon längst nebeneinander existieren – dass uns oft mehr verbindet als trennt. Wir müssen einfach genauer hinsehen. Und ein bisschen mehr Yin und Yang sein.

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