Soll Magersucht jetzt cool sein?

Der neue Netflix-Film "To the Bone" will die düstere Realität von Essgestörten aufzeigen. Das schafft er nicht mal ansatzweise, findet unsere Autorin Sophia Cosby, die selbst magersüchtig war.

Soll Magersucht jetzt cool sein?
Bild: Netflix Der Gang zur Waage: Für Ellen (Lily Collins) bedeutet er Kontrolle.
13 Jul '17
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Ellen hat Kalorien-Asperger. Zumindest nennt ihre Stiefschwester Kelly so Ellens Fähigkeit, den Kaloriengehalt sämtlicher Lebensmittel auf Kommando aufzulisten: "280 für das Schweinefleisch, 350 für die Nudeln, 75 für die Butter", rattert es aus ihr wie aus einem Maschinengewehr.

Die Netflix-Produktion "To the Bone" ist ein Film über die Magersucht der Protagonistin Ellen (Lily Collins). Ein Film, der schon vor Erscheinung stark kritisiert wurde: Es heisst, er solle Magersucht verherrlichen, und bereits Erkrankte noch mehr in den Strudel der Sucht reissen. Die Argumente kann ich teilweise nachvollziehen, denn auch ich habe "Kalorien-Asperger". Viereinhalb Jahre lang – angefangen hat es mit 16 – war ich magersüchtig. Eigentlich bin ich's immer noch. Die Inhalte von Kalorientabellen habe ich bis heute in meinem Kopf abgespeichert.

Ellen macht mich wütend

"To the Bone" hat aber noch viel mehr Schwächen: Ellen sieht zwar aus wie eine Magersüchtige, verhält sich aber nicht wirklich wie eine. Sie reisst sarkastische Sprüche und plappert unbeschwert über ihre lebensbedrohliche Lage. Wenn sie von ihren Eltern oder Ärzten gefragt wird, warum sie sich das antut, antwortet sie mit einem Achselzucken und einem witzigen Spruch. Ich habe nie über meine Krankheit gesprochen – geschweige denn Witze darüber gemacht. Selbst als ich 20 Kilo abgenommen hatte und es offensichtlich war, dass ich Probleme habe, schwieg ich.

Der Film will junge Girls vor den Ausmassen der psychischen Krankheit warnen – schafft das aber nicht ansatzweise. Eher bagatellisiert "To the Bone" die Ernsthaftigkeit von Magersucht mit flachen Rollen und verharmlosenden Dialogen. Etwa, wenn Ellen in einer Klinik für die wirklich harten Fälle landet und dort mit anderen essgestörten Teens augenzwinkernd Tricks austauscht: Bei dem Laden um die Ecke bekommt man die effektivsten Abführmittel, scharfes Essen lässt sich besonders schlecht wieder auskotzen. 

Kaffeeklatsch statt Selbsthass

Viele dieser Gespräche finden in Kaffeeklatsch-Atmosphäre statt. Gespräche, die mich traurig machen, weil sie den Anschein erwecken, dass der Alltag dieser Magersüchtigen nicht von Dunkelheit und Selbsthass geprägt ist – so wie das bei mir war.

Nach einem schlimmen Erlebnis an meiner Schule, und der Depression, in die ich nach dem Umzug von Deutschland in die USA gefallen bin, habe ich angefangen zu hungern. Die Überwachung meiner Ernährung war ein Versuch, mein Leben wieder unter Kontrolle zu bringen. Dünn sein war - im Gegensatz zu anderen Magersüchtigen, die durch eine Diät in die Sucht rutschen - nie wirklich mein Ziel. Es war mein Ventil.

Magersüchtig aus Spass

Die Gründe von Ellens Magersucht? Auf die warte ich während des Films vergeblich. Ihre chaotischen Beziehungen zum abwesenden Vater und der plötzlich lesbischen Mutter werden zwar öfter angerissen, aber an keiner Stelle richtig ausgeführt. Ich kaufe Ellen ihren Schmerz nicht ab. Auf mich macht es an einigen Stellen eher den Eindruck, als wäre sie nur aus Spass magersüchtig.

Und das ist es, was mich am meisten ärgert: Während meiner Magersucht wurde ich an jedem einzelnen Tag, jede Stunde von einer lähmenden Selbstbesessenheit und extremem Selbsthass heimgesucht. Und Ellen? Der gehts halt nicht so gut. Ihr Leben im College war scheisse und jetzt weiss sie nicht genau, was sie will. Ich habe gelitten, für sie scheint das Hungern ein Hobby zu sein.

Zum Teil erkenne ich mich doch wieder

Auch den Vorwurf, dass der Film Anorexie verherrliche, kann ich übrigens nachvollziehen. Denn mit ihrem Künstler-Look, ihrer trotzigen Attitude und dem Dauerqualmen lässt Ellen Magersucht cool aussehen. Teilweise erkenne ich mich aber auch wieder: Die herausstehenden Knochen, die Haare, die der Körper zusätzlich produziert, um sich warm zu halten, die blasse Haut und die ausbleibende Periode.

Mir ist bewusst, dass Filme wie "To the Bone" der Unterhaltung dienen – und es schwierig ist, die Komplexität einer Essstörung in zwei Stunden zu packen. Trotzdem: Dem Film fehlt meiner Meinung nach die Substanz, um die düstere Realität der Magersucht abzubilden. Ob das Lily Collins, die selbst jahrelang an Magersucht litt und bestimmt weiss, wie schlimm und verworren ein Leben mit dieser Krankheit ist, vergessen hat?

Der Film

"To the Bone", ab morgen auf Netflix.

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