"Es dreht sich alles um den Arsch"

Immer mehr junge Frauen verbringen ihre Freizeit im Fitnessstudio – für den perfekten Hintern, aber auch weil sie sich ein Leben ohne Gym nicht mehr vorstellen können.

Von: Marie Hettich

Bild: Dan Cermak Ana spielt Fussball beim FC Zürich und trainiert vier- bis fünfmal pro Woche im Gym.
23 Jun '17
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Wer zufällig am Basefit in Schlieren ZH vorbeiläuft, bleibt automatisch mit dem Blick an der riesigen Fensterfront hängen: Von meterhohen Werbebannern blicken einem junge Fitnessmodels mit perfekt definierten Muskeln entgegen, ringsherum wird mit Angeboten geworben: "7 Tage gratis trainieren – Hol dir deine Sommerfigur!", "Fitness ab 399.50 jährlich!". Keine Frage: Hier soll eine junge Zielgruppe angelockt werden.

Laut Filialleiter Michael Nuthmann, einem grossen, gut aussehenden Typen mit Gewinnerlächeln, klappt das auch: "Unsere Mitglieder werden definitiv immer jünger – und es kommen immer mehr Mädels vorbei." Früher hätten sich die Jungs allein angemeldet, jetzt hätten viele ihre Freundin im Schlepptau. Woran das liegt? "Frauen wollen mittlerweile nicht bloss schlank sein, sondern auch einen trainierten Body haben."

 

Suzi ist jeden Tag im Basefit – alle kennen sie hier.

Bild: Dan Cermak

Im Gym sind heute, an einem heissen Samstagmittag, keine Pärchen zu sehen: Vor allem Männer zwischen 18 und 30 sind in dem angenehm kühlen und überraschend neutral riechenden Raum am Trainieren, die meisten gedankenverloren vor sich hinschauend, Kopfhörer in den Ohren. Von Møs "Final Song" aus den Lautsprechern bekommen die wenigsten etwas mit.

"Trainieren ist für mich wie eine Therapie"

Und dann sind da Suzi, Diana und Ana. Die drei kennen sich, sie quatschen ab und zu miteinander, wenn sie beim Training zufällig in derselben Ecke des Gyms landen. "Anfangs wollte ich noch meine Ruhe, aber mir ist es mega wichtig geworden, mit den anderen hier ins Gespräch zu kommen", erzählt Suzi, die mit ihrem dunkelroten Lippenstift, der Cat-Eye-Brille und ihrem Kurven-Body sofort ins Auge sticht.

Die 19-Jährige ist so gut wie jeden Tag im Basefit – alle kennen sie hier. "Für mich ist das Trainieren wie eine Therapie. Manche gehen zum Kopfabschalten in den Ausgang – ich gehe ins Gym." Nur so, erzählt sie, habe sie es auch geschafft, den Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren zu verarbeiten. "Sobald ich den Raum betrete, lasse ich automatisch all meine Probleme vor der Tür." Situationen, in denen sich Suzi verletzen und deshalb nicht mehr trainieren könnte, versucht sie ganz zu meiden – in der Kinderkrippe, wo sie arbeitet, steige sie zum Beispiel nie auf eine Leiter, erzählt sie lachend. Schöner fühlt sich Suzi auch, seit sie so eisern bei der Sache ist: Dieses Jahr freut sie sich zum ersten Mal auf die Badi.

"Ich würde mich nutzlos fühlen, wenn ich nach der Arbeit vor dem TV sitzen würde", sagt Diana, 16.

Bild: Dan Cermak

Ana, die beim FC Zürich an sieben Tagen pro Woche Fussball spielt und mit ihrem toughen Auftreten fast ein bisschen einschüchternd wirkt, hat sich kürzlich das Schlüsselbein gebrochen und drei Wochen lang auf Sport verzichten müssen. Mittlerweile darf die 17-Jährige im Basefit, wo sie auch ihre Ausbildung zur Fachfrau Bewegungs- und Gesundheitsförderung macht, wieder langsam anfangen. Sie ist sichtlich erleichtert: "Es war schlimm. Ich verlor viel Kraft und hatte das Gefühl, ich sei total dick geworden. Jetzt muss ich mich gerade extrem pushen, um auf mein altes Niveau zu kommen."

Ihre Ernährung hat Ana schon vor einer Weile umgestellt, dem Fussball, aber auch ihrer Figur zuliebe. Pizza gibts höchstens zweimal im Monat, abends verzichtet sie komplett auf Fett und Kohlenhydrate. Leicht fällt ihr das nicht immer. "Wenn Kollegen mittags in einen Döner beissen, sag ich mir: Komm schon, mach dir nicht alles, was dir aufgebaut hast, mit ein paar Bissen wieder kaputt."

Das ultimative Ziel: Ein knackiger Po

Auch die 16-jährige Diana erzählt, sie habe sich, nachdem sie vor ein paar Jahren mit Eiskunstlaufen aufgehört habe, bald unwohl in ihrem Körper gefühlt. Seit Oktober geht die Auszubildende an drei bis vier Abenden pro Woche ins Basefit, isst nicht mehr ganz so viele Süssigkeiten und mag mittlerweile ihre Figur. "Ich würde mich sowieso nutzlos fühlen, wenn ich nach der Arbeit einfach heimgehen und vor dem Fernseher Chips essen würde." Ihr Workout-Ziel: "Fit und straff bleiben, nicht zunehmen – und ein muskulöserer Bauch."

Roland Müller, der sich als Psychologe auf Körperthemen spezialisiert hat und immer wieder Vorträge darüber hält, überrascht das alles nicht. "Muskeln waren lang Männersache. Im Zuge der Emanzipation holen die Frauen aber auch auf diesem Gebiet auf", erklärt er. "Ich bin mir sicher, dass der Fitness-Lifestyle in den nächsten Jahren immer mehr zum Alltag wird – für beide Geschlechter." Bei Frauen sieht er vor allem einen Körperteil im Fokus aller schweisstreibenden Bemühungen: den Po. "Männer streben beim Krafttraining schon lange einen muskulösen Oberkörper an – für Frauen ist nun ein ausladender, knackiger Po das ultimative Ziel." Jetzt kann es auch unter Mädchen passieren, dass Wettkampf-Stimmung herrscht, erzählt Filialleiter Michael: "Wer hat den besseren Bauch, den besseren Hintern?" Auch Suzi trainiert im Gym hauptsächlich ihr Hinterteil – und Ana arbeitet darauf hin, "dass die Welle vom Po schon weiter oben am Rücken anfängt", denn: "Es dreht sich nun mal alles um den Arsch."

  • Muss sein: Aufwärmen auf dem Laufband oder dem Fahrrad.

  • Nach ihrer OP am Schlüsselbein kann Ana endlich wieder Gas geben.

  • Den hat Suzi immer dabei: Ein Gewicht­hebergürtel, der vor Rückenverletzungen schützt.

  • Sie gehören zum Gym wie die Umkleide­kabinen: Protein­riegel und -drinks.

  • Kraft­training wird von der reinen Männer- nun auch zur Frauen­sache.

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Das Kardashian-artige Figur ist auch das, was Brittany Olsen, Jen Selter und Tammy Hembrow, die Vorbilder der Mädchen, neben sehr viel Make-up und sexy Instagram-Posing gemeinsam haben. Die Augen der drei leuchten, wenn sie von ihnen sprechen. "Fitnessmodels auf Social Media spielen eine riesengrosse Rolle", sagt Roland Müller. Mit dem Medienkonsum steige aber auch die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, "das haben mehrere Studien gezeigt". Wie bei Männern sieht Müller auch bei Frauen die Gefahr, sport- und muskelsüchtig zu werden – oftmals kombiniert mit einer Essstörung. "Aktuell müssen wir uns beim Thema Muskelsucht um Männer noch mehr Sorgen machen – aber wir sollten die Frauen im Blick behalten."

Männerbodys? Trainiert, aber nicht übertrieben, bitte

"Natürlich bin auch ein bisschen süchtig", gibt Suzi zu. Problematisch findet sie das aber nicht. "Mir sind noch so viele andere Dinge im Leben wichtig. Ich bin sicher, dass mich mein Umfeld darauf aufmerksam machen würde, wenn es too much werden sollte." Auch Ana sagt, sie wisse, dass es jederzeit vom Gesunden ins Ungesunde kippen könne – "es kann schnell passieren, dass man nur noch Sport im Kopf hat" – und möchte es nicht so weit kommen lassen. Beim perfekten Männerkörper sind sich Suzi, Ana und Diana übrigens einig: Trainiert soll er sein – aber auf keinen Fall übertrieben.

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