Ich habe 7 Tage lang wie eine Instagrammerin gelebt

Sexy Posing, Selfies, inszenierte Szenen: Redaktorin Gina Buhl hat den Influencer-Selbstest gewagt. Das hat sie an ihre Grenzen gebracht.

Ich habe 7 Tage lang wie eine Instagrammerin gelebt
Bild: Instagram ginalindgren So ein Insta-Leben ist knallhart – auch wenns nicht danach aussieht.
18 Jun '17
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Ich bin kein Influencer. Ich werde nicht zu hippen Partys eingeladen, reise nicht um die Welt, trage keine gesponserte Kleidung und keiner bezahlt mich dafür, das alles auf Fotos gut aussehen zu lassen. Hie und da poste ich eine Blume, einen Tisch, einen Strand. Ohne Hashtags. Ohne Ansprüche. Die Resonanz ist mickrig. Was es bedeutet, sein Privatleben mit der Welt zu teilen? Wie schnell man Fans und Brands an Land zieht? Ob es überhaupt möglich ist, so ein Insta-Leben in seinen stinknormalen Alltag zu integrieren? Ich habe keine Ahnung. Doch ich werde es herausfinden.

Tag 1

Ich bin hochmotiviert und bestens vorbereitet. Meine Profil-Info hab ich angepasst (bin jetzt wannabe blogger und lover of life), mein Englisch aufgefrischt, mein Posting-Plan für die Woche steht. Ein hübsch verpackter Rüeblisaft vom hipsten Saftladen der Stadt soll den #healthy Startschuss in mein neues Leben markieren. Ich bezahle 10 Franken für 330 Milliliter und habe die böse Vorahnung, dass diese Woche nicht nur anstrengend, sondern auch teuer werden könnte. Die ersten Bilder von mir, für die mein Freund seine Mittagspause opfern muss, kosten mich extrem viel Überwindung, sind aber eigentlich schnell gemacht. Easy, denk ich. Als ich das erste Mal zum Handy greife und checke, wie gut diese lapidaren Posts ankommen, fühle ich mich beflügelt.

Tag 2

Mein Wecker klingelt heute eine Stunde früher als sonst. Ich will auf den Wochenmarkt, um mich mit coolen Klamotten und Blumen fotografieren zu lassen. Eigentlich gehe ich nie auf den Markt. Weil Down-to-earth-Sein und Blumen auf Insta aber immer gut ziehen, nehme ich folgende Szenen in Kauf: Ich vor dem Schrank, fluchend, weil die Hose, die ich für den #OOTD-Post auserkoren habe, verschwunden ist. Ein Sprint in den Keller, wo sich mittlerweile zwar meine Laune, nicht aber die Hose befindet. Mein Freund, der mir sagt, ich solle mich beruhigen.

Mies gelaunt stehe ich mit einem Outfit, das mir nicht gefällt, auf dem Marktplatz und kaufe Blumen, die ich eigentlich nicht brauche. Bis das Bild im Kasten ist, dauert es: zu dunkel, zu wenig Grünzeug drauf, langweiliger Gesichtsausdruck. Leute glotzen, mein Insta-Boyfriend wird nervös, will nach zehn Fotos aufhören. Ich zwinge ihn, weiterzumachen, sage ihm, dass es mir leid tut, ich für diesen Bildausschnitt aber sicher keine Likes kriegen werde. "Perfect start to the day", schreibe ich unter den Post. Ich bin fertig mit den Nerven. Dabei gehts gerade erst los. Im Lauf des Tages haue ich uninspirierte Posts raus: Blumen, Obst, Schreibtisch. Ich kassiere zwar Likes, verliere aber auch Follower. Meine Enttäuschung hält sich in Grenzen – ich würde mich auch deabonnieren. Beim romantischen Dinner im hippen Restaurant schmiegt sich sein Burger fürs Bild an meinen Salat. Ich schmeisse mit Foodporn-Hashtags um mich und hoffe aufs Beste.

Tag 3

Von meinem Experiment habe ich niemandem erzählt. Die sechs verwirrten bis schockierten Nachrichten von Freunden lese ich amüsiert und fange an, meinen nächsten Post vorzubereiten: ein Make-up-Tutorial. Peinlicherweise macht mir das Drehen ziemlich viel Spass, und so sehe ich mich später mit Concealer bewaffnet in die Kamera zwinkern. Bevor ich auf "Post" drücke, kommt der Moment, in dem ich mich zum ersten Mal schäme, zögere, mir ausmale, was die Leute wohl über mich denken werden. Allzu viel Platz lasse ich diesen Gedanken aber nicht. Ich poste. The show must go on.

Abends rolle ich meine Yogamatte aus. Nachdem ich zehn Minuten in einer unbequemen Pose verharre, von der ich nicht mal sicher weiss, ob sie als Asana durchgehen würde, ist das Bild im Kasten. Ein Follower empfiehlt mir den neusten
Yogi-Flow. Obwohl ich es nicht für möglich gehalten hätte, finde ich es auf eine absurde Weise gut, wie einfach ich die Leute manipulieren kann.

Tag 4

Etwas ist anders - ich bin anders. Innerhalb von drei Tagen habe ich mich zu einer ziemlich unausstehlichen Person entwickelt: Ich fake, inszeniere, höre bei Gesprächen nicht richtig zu, weil ich meine Umgebung auf ihre Insta-Tauglichkeit scanne. Ich klebe am Handy, brauche gefühlt 100 Stunden im Bad, missbrauche meinen Freund als Fotografen und bin zickig, wenn ich nicht genügend Likes bekomme. Ein Influencer-freundlicher Event am Abend. Ich fahre wegen eines einzigen Posts von Zürich nach Basel. Der Ausflug kostet mich 70 Franken - und weitere fünf Follower.

Tag 5

Seit heute schätze ich Inspirational Quotes. Ich habe ein Insta-Burn­out. Ideen für Bilder, geschweige denn Bildunterschriften fehlen mir. Mit abgebröckeltem Nagellack halte ich einen Kaffee-Pappbecher in die Kamera und versehe das Bild mit einem billigen Spruch. "Sei furchtlos, wenn du deinen Leidenschaften nachgehst", schreibe ich. Immerhin musste ich auf dem Weg zur Espresso-Bar zwei Tramgleise überqueren. Ein Lift-Selfie mit Einhorn (#unicornpower) soll mich später aus meinem kreativen Loch holen. Der Post floppt. Nur 39 Likes? Mir reichts.

Tag 6

Eigentlich müsste mein Insta-Boyfriend seit zehn Minuten bei einem Umzug helfen. Stattdessen steht er auf Zehenspitzen neben dem Bett, um meine nackten Beine im perfekten Winkel zu fotografieren. Ich trage rote Mules und habe – ganz casual – mein Frühstück, eine Topfpflanze und ein Buch um mich herum drapiert. Heute versuch ichs mit der sexy Nummer.

Ich bin skrupellos geworden. Der Drang nach unmittelbarer Rückmeldung hat mich zum Sklaven der Community gemacht. Ich poste nicht das, was ich wirklich mache, sondern das, was ich für besonders likeable halte. Meine Beziehungen: verändert. Weil ich ungemütlich werde, wenn mein Freund nach 20 Bildern aufhören will, macht er wortkarg mit. Freunde, die gecheckt haben, was ich mache, sind fassungslos und fasziniert. Und ich? Frage mich, was Instagrammer tun, wenn sie Single sind, und denke nur noch daran, dass morgen endlich alles vorbei ist.

Tag 7

Brunch im Hipsterlokal. Vor über einer Woche habe ich hier reserviert. Ich bestelle das, was am fotogensten ist. Ich bin müde. Die Woche war unglaublich anstrengend. Einen Job zu haben und gleichzeitig ständig neue Outfits, Locations und Posts zusammenzustellen, sein normales Leben und sein Influencer-Leben zu organisieren, kostet Kraft. Ich habe doppelt so viel Geld gebraucht wie normal. Ich hab doppelt so viel Zeit gebraucht wie normal. Mein Umfeld wurde selten so beansprucht wie in dieser Woche. Meine Stimmung war selten so mies. Trotzdem hab ich gerade mal 37 neue Follower und eine Kooperationsanfrage eines Fake-Profils. Wow.

Wir spazieren, um den perfekten Pärchenfoto-Spot zu finden. Ich ziehe meinen Insta-Boyfriend hinter mir her. Er drückt ab. Ich bediene mich erneut eines pseudo-tiefgründigen Quotes. Anders als die Tage davor ist es mir aber egal, wie die Leute reagieren. Ich hab keinen Bock mehr auf mein inszeniertes Leben und die aufgesetzte Nettigkeit der Kommentar-Schreiber. Als ich den letzten Post veröffentliche – eine dramatische, schwarze Fläche –, fühle ich mich so befreit wie nach der letzten Uni-Prüfung. Um nichts in der Welt würde ich diesen Lifestyle auch nur einen Tag länger führen wollen. Zu anstrengend, zu oberflächlich, zu fake. Ich habe Respekt vor den Leuten, die das 365 Tage im Jahr durchziehen, ohne durchzudrehen oder vor Erschöpfung alles hinzuschmeissen. Instagrammer zu sein ist ein knallharter Fulltime-Job. Ich kündige.

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