"Mach klar, dass es ab hier nicht weiter geht"

Jede zweite Frau fühlt sich nachts allein unwohl, wie 20 Minuten gestern berichtete. Wir haben eine Expertin nach Strategien für brenzlige Situationen gefragt.

Von: Karin Zweidler

Bild: Getty Images
20 Apr '17
zurück +22 -12
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58 Prozent der Frauen haben Angst, abends allein unterwegs zu sein, wie 20 Minuten gestern berichtete. Das sind unglaublich viele, fanden wir heute Morgen, als wir das Thema in unserer Redaktionssitzung diskutiert haben. Überrascht sind wir trotzdem nicht. Fast jede von uns hat schon eine, zwei oder gleich diverse Situationen erlebt, in denen sie sich unwohl gefühlt hat. Und sich im Nachhinein gefragt hat, warum sie sich nicht konsequenter gewehrt hat – oder ob die Gegenwehr alles nur noch schlimmer gemacht hätte.

Scheint, als ob die Angst vor sexuellen Übergriffen in unseren Hinterköpfen so selbstverständlich geworden ist, dass wir geneigt sind, sie einfach hinzunehmen. Das darf nicht sein. Was also können wir selbst tun, wenn uns nächstes Mal auf dem Heimweg vom Ausgang mulmig wird? Wie können wir uns sicherer und vor allem stärker fühlen? Wir haben unsere eigenen Erlebnisse gesammelt und eine Selbstverteidigungs-Trainerin nach Strategien gefragt. 

 

 

Was tun, wenns brenzlig wird?

Anzügliche Gesten in der U-Bahn

"Mir sass ein Typ gegenüber, der mich minutenlang anstarrte. Dann machte er ein unmissverständliches Zeichen, das symbolisieren sollte, dass ich ihm einen blasen sollte."

Das sagt die Expertin: "Steh unbedingt auf und wechsle den Platz. Mach deinem Gegenüber aber vorher klar, dass das nicht okay war. Wie, entscheidest du selbst: entweder mit einer abwehrenden Geste oder verbal. Falls du sprichst, ist es wichtig, dass du sagst, was du von der Person willst, sie aber nicht persönlich beleidigst: "Lass mich in Ruhe", "Keinen Schritt weiter", zum Beispiel. Sprich mit fester Stimme, nimm Raum ein und ziehe Grenzen, wirke nicht wie ein Opfer, sondern mach klar, dass es ab hier nicht weitergeht. Die meisten Männer suchen Opfer, keine Gegner."

Keine Chance wegzurennen

"Mein Heimweg führt dem Waldrand entlang, steil den Berg hoch. Jedes Mal, wenn ich ihn abends laufe, weiss ich: Ich hätte keine Chance, jemandem zu entkommen bei dieser Steigung. Um mich von der Angst abzulenken, höre ich Musik auf meinen Kopfhörern."

Das sagt die Expertin: "Aufmerksamkeit ist das Allerwichtigste, wenn es um Selbstschutz geht. Musik in den Ohren oder das Handy sind absolut kontraproduktiv. Nur wenn du mit all deinen Sinnen da bist, siehst du, ob jemand kommt und hörst, ob dir jemand zu schnell nachläuft. Wenn du immer wieder ein mulmiges Gefühl hast wegen dem Waldrand, musst du wissen, wie du im Ernstfall reagierst. Ein Selbstverteidigungskurs gibt hier Sicherheit."

Sie kreisten mich ein

"Eine Gruppe besoffener Typen wartete oben am U-Bahn-Ausgang und kreiste mich ein, als ich vorbei wollte. Ich versuchte durchzukommen, aber sie liessen mich nicht. Erst ein Mann, der zufällig vorbeikam, konnte sie abwimmeln."
 
 
Das sagt die Expertin: "Die Frage bei heiklen Situationen lautet immer: Gibt es Ausweichmöglichkeiten? Im besten Fall siehst du die Gruppe schon von unten und kannst die Richtung noch ändern, allenfalls wieder in die U-Bahn einsteigen. Falls nicht, sind da vielleicht andere Leute, die du aktiv ansprechen kannst, ob sie mit dir durchgehen. Falls niemand da ist, wieder Körpersprache und Stimme benutzen, um zu signalisieren, dass du das nicht willst, dich allenfalls auch mit Händen und Füssen wehren. Das Ziel ist, möglichst schnell aus der Situation zu kommen. Wenn du rennen kannst: Renn."

Männergruppen starren mich an

"Ich laufe nachts wie auch tagsüber an ruhigen Strassen nur ungern an Männergruppen vorbei, da ich oftmals die Erfahrung gemacht habe, angestarrt zu werden oder blöde Sprüche anhören zu müssen."

Das sagt die Expertin: "Unbedingt aufs Bauchgefühl hören. Wenn das sagt: Etwas stimmt hier nicht, wechsle die Strassenseite. Nach Möglichkeit schauen, dass du nicht dort bist, wo der Ärger ist. Falls Ausweichen nicht geht, unbedingt schauen, dass du Abstand wahrst. Geh aufrecht und bestimmt durch, zeige den Leuten, dass du sie siehst und aufmerksam bist. Sprich dir selber Mut zu."

Die Hand auf dem Bein

"Ich sass im Zug und ein Typ hat mir seine Hand aufs Bein gelegt - ätzend. Ich bin aufgestanden und hab den Platz gewechselt, hätte aber gern mehr gemacht als das."
 
 
Das sagt die Expertin: "Man muss situationsbedingt spüren, was drinliegt. Mir ist auch schon die Hand ausgerutscht in einer solchen Situation, das ist okay, die Frage ist aber: Ist man bereit, die Konsequenzen zu tragen, falls er darauf einsteigt? Wichtig ist auch, sind andere Menschen da? Du kannst die Männerhand aber mindestens wegschlagen und dich verbal wehren."

Er hatte die Hose offen

"Während dem nächtlichen Heimweg hörte ich ein Pfeifen. Als ich mich umdrehte, sah ich einen Mann mit offener Hose dastehen. Ich drehte mich um und lief weiter, die Polizei benachrichtigte ich nicht, weil ich nicht wusste, ob das übertrieben ist."

Das sagt die Expertin: "Unbedingt so viel Abstand wie möglich wahren und weiterlaufen. Möglichst wenig Reaktion, Ekel oder Irritation zeigen und später unbedingt die Polizei rufen, das ist nicht übertrieben."

Zum Telefonieren gezwungen

"Als ich abends auf ein Taxi gewartet habe, kamen zwei Jungs, haben mich eingekreist und wollten, dass ich Hallo in ihr Telefon rufe, das sie mir ins Gesicht gehalten haben. Sie waren sehr aggressiv in ihrem Auftreten, haben fies gelacht und dumme Sprüche gemacht. Nicht wirklich heikel, aber demütigend, weil ich die Situation nicht einschätzen konnte und deswegen mitgemacht habe."
 
 
Das sagt die Expertin: "Manchmal lohnt es sich, bei einer Gruppe abzuchecken, wer der Rudelführer ist – meistens gibts einen. Diesem kannst du dann mit sicherer Stimme erklären, dass du nicht mitmachst. Auf keinen Fall einfach denken: Augen zu und durch. Viele Täter checken ihre Beute ab: Macht sie ohne Protest mit? Könnte ich auch was anderes versuchen? Wer sich hier als Opfer preisgibt, ist leichte Beute."

Jeannette Vögeli ...

... ist Selbstverteidigungs-Trainerin bei Functional Fighting in Zürich, hat mehrere Instruktoren-Ausbildungen für Selbstverteidigung absolviert und Kurse in angewandter Psychologie besucht, um Frauen neben den körperlichen Techniken auch mentale Strategien für die Selbstbehauptung geben zu können.

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