So reagieren Paare auf Oxytocin-Spray

Oxytocin wird als Kuschelhormon gehypt. Psychologin Beate Ditzen hat Paaren den Stoff verabreicht und uns erzählt, wie er das Zusammenleben beeinflussen kann.

Von: Gina Buhl

So reagieren Paare auf Oxytocin-Spray
Bild: Lukasz Wierzbowski
18 Apr '17
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Über kein anderes Hormon wurde in letzter Zeit wohl so viel berichtet wie über Oxytocin: es sorgt dafür, dass wir uns vertrauen und aneinander binden können. Ausgeschüttet wird es etwa bei einem Orgasmus oder bei Frauen während der Geburt. Künstlich hergestellt, wird es Frauen in hohen Dosen zur Einleitung der Wehen verabreicht. Was passiert, wenn man Paaren eine kleine Menge Oxytocin künstlich verabreicht, wollte die Psycho- und Paartherapeutin Beate Ditzen herausfinden.

Frau Ditzen, wie sehr sind wir unseren Hormonen ausgeliefert, wenn wir uns verlieben? Man kann schon sagen, dass wir uns beim Verlieben den biologisch-dominierten Prozessen in unserem Körper ziemlich unterordnen müssen.

"Biologisch-dominierter Prozess" klingt jetzt nicht besonders romantisch... Ja, da haben Sie Recht. Einen Trost für Romantiker hab ich aber: Wir können das Verliebtsein im Labor nicht biologisch nachbauen und Testpersonen auch keine bestimmten Substanzen verabreichen, die sie in einen Liebesrausch versetzen. Dafür brauchts dann schon echte Gefühle

Sie haben die echten Gefühle von Paaren in Ihrem Versuch mit dem Kuschelhormon Oxytocin untersucht. Wie sah das denn genau aus? Wir wollten herausfinden, ob Paare anders miteinander umgehen, wenn sie Oxytocin einnehmen. Konkret: wie sie sich in Streitsituationen verhalten. Insgesamt haben wir 50 Paare getestet, von denen wir der einen Hälfte Oxytocin, der anderen ein Placebo per Nasenspray verabreicht haben.

Per Nasenspray? Ja, so gelangt es über die Schleimhäute ins Gehirn.

Und wie gings weiter? Aus einer Liste von Konfliktthemen haben die Paare dann ein Thema ausgewählt, das für sie aktuell ungelöst war, und darüber gestritten.

Was hat das jetzt mit dem Oxytocin zutun? Wir wissen, dass das Hormon unmittelbar an unserem sozialen Miteinander beteiligt ist. Es beeinflusst unsere soziale Interaktion, ist für den Bindungsaufbau sehr wichtig und wird auch während des Orgasmus ausgeschüttet. Also sind wir davon ausgegangen, dass es auch Beziehungskonflikte positiv beeinflussen könnte.

Und, lagen Sie richtig? Ja, es war wirklich beeindruckend! Unter Oxytocin-Einfluss haben sich die Paare viel harmonischer verhalten. Sie waren aufmerksamer, haben öfter gelacht und sich intensiver angeschaut, während sie diskutiert haben.

Das heisst, wenns mal nicht so gut läuft in einer Beziehung, nehmen wir Oxytocin, und alle Konflikte lösen sich in Luft auf? Tja, ganz so einfach ist das leider nicht...

Warum nicht? In unserem Versuch haben wir nur untersucht, wie glückliche Paare auf eine einmalige Dosis reagieren, ausserdem gibt es noch keine Langzeitstudien. Aus meiner Erfahrung als Paartherapeutin kann ich sagen: Nach jahrelangen Konflikten oder einem Seitensprung kann kein Spray der Welt dafür sorgen, dass man dem Partner wieder vertraut.

Ja, aber wie kann es denn dann helfen? Etwa wenn die Partner über die Jahre den Zugang zueinander verlieren. Oxytocin könnte den anderen in einem positiveren Licht erscheinen lassen und so die Beziehung kitten.

Birgt das nicht auch ein grosses Risiko, wenn man das Verhalten des Partners mit Oxytocin so manipuliert? Oxytocin ist ein verschreibungspflichtiges Medikament, das eigentlich zum Einleiten der Wehen verabreicht wird. Man kann es also nicht einfach in der Apotheke kaufen und seinem Partner heimlich ins Müesli mischen, in der Hoffnung, damit die Beziehung zu retten.

Können wir unseren Oxytocinspiegel denn auf natürliche Weise erhöhen, um lange eine harmonische Beziehung zu führen? Ja, es gibt tatsächlich Hinweise, dass unsere Oxytocinwerte ansteigen, wenn wir uns umarmen oder zärtlich berühren - da ist also kein Nasenspray nötig. Allerdings müssen wir uns bei den Annahmen momentan auf Tierstudien verlassen, da man das am Menschen noch nicht messen kann.

Die Medien überhäufen Oxytocin mit Lob und betiteln es als Orgasmus-, Vertrauens- und Kuschelhormon. Ist Oxytocin der Stoff, der unsere Welt besser macht? Das wäre natürlich wünschenswert. Allerdings gibt es auch Studien, die zeigen, dass uns Oxytocin nicht nur kuschelig werden lässt...

Ach ja? In Gruppenversuchen hat sich gezeigt, dass der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe durch Oxytocin zwar grösser geworden ist, sich die einzelnen den anderen Gruppen gegenüber aber aggressiver verhalten haben.

Oxytocin kann also keine Kriege verhindern... Momentan siehts nicht danach aus. Das wäre aber auch ein bisschen viel verlangt von einem Hormon.

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