"Frustshopping kann zu Kaufsucht führen"

Die meisten von uns lieben Shopping. Ein Psychotherapeut erklärt, warum das so ist – und wann es gefährlich wird.

Von: Marie Hettich

Bild: Annick Ramp
12 Apr '17
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Herr Estermann, was ist am Shoppen eigentlich so toll? Es ist ein gesellschaftlicher Grossanlass – da will man dabei sein. Ausserdem sind wir nun mal Jäger und Sammler. Wir finden es super, schöne Teile und Schnäppchen zu
ergattern. Dennoch: Es ist nicht so, dass es allen Spass macht.

Was ist dran am Klischee, dass Frauen viel lieber einkaufen gehen als Männer? Da ist definitiv etwas dran. Männer sind in der Regel pragmatischer, zielorientierter. Frauen hingegen bummeln gern stundenlang durch die Gegend und kaufen dann auch eher etwas, was sie gar nicht gebraucht hätten. Noch schöner finden es die meisten, mit einer Freundin zu suchen und zu sammeln. Aber natürlich gibt es Ausnahmen.

Nach dem Horrortag im Büro zur Ablenkung eine Runde shoppen gehen – was ist davon zu halten? Wenn man sich das, was man shoppen geht, leisten kann, ist die Methode sicher besser, als jeden Abend drei Bier zu kippen. Ich als Psychologe finde: Man sollte sich mit der belastenden Situation auseinandersetzen, statt sie oberflächlich mit kurzfristigen Streicheleinheiten erträglich zu machen.

Ist das nicht ein bisschen streng? Na ja, Frustshopping ist sozusagen die Grundlage jeder Kaufsucht. Wie jede andere Sucht steht sie für eine Unzufriedenheit, für eine Leere, die man zu füllen versucht. Man will sich durchs Shoppen in ein besseres Gefühl hineinmanipulieren. Das Online-Shopping macht die Sache heute noch gefährlicher, da wir nun sogar rund um die Uhr einkaufen können.

Woran merke ich, dass ich kaufsüchtig bin? Wenn nach dem Shoppen der Kater kommt. Süchtige spüren irgendwann, dass sie zu oft Dinge tun, die sie eigentlich gar nicht wollen. Sie nehmen sich beispielsweise vor, diese Woche nichts zu kaufen – und kaufen dann doch wieder was. Die meisten bekommen so finanzielle Probleme.

Und was kaufen Kaufsüchtige so? Das ist völlig unterschiedlich. Meistens Dinge, die hinterher im Regal verstauben. Es gibt auch Leute, die Unmengen an Nahrungsmitteln horten – unter dem Vorwand, sie bräuchten einen Notvorrat für schlechte Zeiten.

Und dann gibts noch die, die 10'000 Franken für eine Handtasche ausgeben. Das geschieht nach dem Motto: Das Gleiche tun wie alle anderen, ja – aber bitte auf die eigene Art und Weise. Da sich nur wenige eine so teure Tasche leisten können oder wollen, gehören diese Leute zu einer Art Shopping-Elite, stechen also aus der Menge heraus – und sind da sehr, sehr stolz drauf.

Thomas Estermann ist Fachpsychologe FSP in einer Gemeinschaftspraxis in Aarau.

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