"Seid ihr jetzt endlich zusammen?!"

Redaktorin Marie Hettich hat sich beim Kennenlernen für einmal richtig viel Zeit gelassen. Und alle fanden das abnormal.

Von: Marie Hettich

Bild: Lukasz Wierzbowski Gut Ding braucht definitiv Weile.
15 Mär '17
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Ich hatte schon einige Beziehungen. Jedes Mal lief das Prozedere in etwa gleich ab: Man trifft sich betrunken im Ausgang, findet sich scharf, tauscht Nummern aus, verabredet sich, um dann wieder betrunken zu sein, geht zum Fummeln ins Kino, vielleicht mal essen, schläft miteinander, verbringt ein paar Katertage gemeinsam im Bett – und zack ist man ein Paar. Was im Normalfall heisst: Man lässt ab jetzt die Finger von anderen, sieht sich ständig, hat irgendwie plötzlich recht grosse Erwartungen aneinander, stellt einander den Freunden und Eltern vor und zieht vielleicht irgendwann zusammen. Ich fand das immer ganz normal so.

Heute finde ich das ziemlich wahnsinnig. Jedes Mal aufs Neue hatte ich so gut wie überhaupt keine Ahnung, wen ich da eigentlich meinen neuen Freund nenne. Ist er zuverlässig? Kompromissbereit? Ein Teamplayer? Wie reagiert er in Stresssituationen? Wie eifersüchtig oder besitzergreifend ist er, klammert er sogar? Findet er mich auch dann noch gut, wenn ich den ganzen Tag krank, ungeschminkt und ein bisschen zickig im Bett liege? Hat er sich in seinem Leben bisher mit wichtigen Dingen wie Putzlappen und Steuererklärungen auseinandergesetzt – ja, hat er sein Leben ganz generell im Griff? Wie gesagt: Ich hatte keine Ahnung.

Sex, DVDs und Pizza

Kennengelernt habe ich all meine Exfreunde dann erst im Laufe der Beziehung – was zur Folge hatte, dass ich bis zu meinem 28. Lebensjahr fast nur mit Männern zusammen war, die eigentlich überhaupt nicht zu mir passen: Sportfreaks, Stubenhocker, Kiffer oder Forever-Partyboys, mit denen Sex, DVDs-Schauen und Pizzabestellen durchaus spassig, eine gemeinsame Zukunft aber undenkbar war. Mit manchen habe ich sogar einige Jahre verbracht, bis ich mir nach immer heftigeren Streits und immer grösserem Frust irgendwann eingestehen musste: Ganz egal, wie sehr wir beide uns das wünschen, wie sehr wir dafür kämpfen – wir werden niemals auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Ob ich irgendeine Ex-Beziehung bereue? Überhaupt nicht. Trotzdem erwische ich mich manchmal dabei, wie ich mich frage, ob mir ein paar weniger Beziehungen und ein paar mehr Jahre als Single gut getan hätten. Ich bin wirklich verwundert darüber, wie spät bei mir die Erkenntnis eingesetzt hat, dass ich den nächsten Typen, in den ich verliebt bin, doch lieber etwas genauer unter die Lupe nehmen sollte. Denn – das weiss ich erst jetzt: Das Verliebtsein darf nicht der einzige Grund sein, mit jemandem eine Beziehung einzugehen. Es ist nur eine Voraussetzung – von sehr vielen.

"Seid ihr jetzt endlich zusammen?!"

Dieses Mal habe ich mir alle Zeit der Welt gelassen: Wir waren mehrmals zusammen in den Ferien. Wir haben diskutiert, gestritten und uns wieder vertragen. Wir haben über unsere früheren Beziehungen, unsere Kindheit, unsere Macken und Ängste gesprochen. Wir haben den Alltag einkehren lassen. Immer mit der Einstellung: Schauen wir mal.

Überrascht hat mich, dass es unser Umfeld kaum ertragen hat, dass wir monatelang händchenhaltend durch die Stadt spazieren, aber noch keine offizielle Sache daraus machen wollten. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, monatelang immer dieselbe Frage: Seid ihr jetzt endlich zusammen?! Oder: Was soll das mit dieser Non-Relationship? Ein eigentlich sehr netter Bekannter hat uns im Suff sogar mal als “pseudo-progressiv” und “lächerlich” beschimpft. Irgendwann dämmerte mir, warum ich mir nie Zeit genommen habe, Männer richtig kennenzulernen: weil es offenbar nicht normal ist.

Warten lohnt sich

Empfehlenswert ist das Ganze aber durchaus. Ich bin jetzt mit einem Mann zusammen, der am Strand auch lieber vor sich hinpennt anstatt drei neue Sportarten auszuprobieren. Der mit mir leidenschaftlich darüber diskutieren kann, ob Doc Martens noch edgy oder schon Mainstream sind. Der nicht genervt reagiert, wenn ich ihn mit feministischen Themen zulabere – sondern mitredet. Der Bücher, Konzerte, gutes Essen, Kinos und die Natur so liebt wie ich. Der es hinter sich hat, jeden Abend zugedröhnt zu sein, der irgendwann mal eine Familie haben möchte. Und zum allerersten Mal verstehe ich, was die Leute meinen, wenn sie davon sprechen, wie sich eine gute Beziehung anfühlt: nach Ankommen.

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