Wahre Freunde brauchen keine Likes

Freundschaft ist zum Luxusgut verkommen, findet unsere Autorin. Ein Plädoyer für weniger Egoismus im Umgang miteinander.

Von: Nora Hesse

Wahre Freunde brauchen keine Likes
Bild: Getty Images Lass uns Freunde sein! Aber richtig.
15 Feb '17
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Achtung, jetzt kommt einer dieser klebrigen Sprüche aus dem Poesiealbum: Freundschaft ist ein Geben und Nehmen. Soso, denkt ihr jetzt wahrscheinlich. Was nichts daran ändert, dass es stimmt. Und ich finde, man ist sich dessen nicht mehr so bewusst.

Um echte Freundschaft handelt es sich doch dann, wenn Menschen sich gegenseitig aus einer vor Dreck triefenden Patsche helfen können. Nur um einen Augenblick später wieder gemeinsam das Leben zu feiern. Man steht sich bei, ganz egal, ob die Freundin gerade eine Lebenskrise schiebt oder vor lauter Glück die Welt umarmen will. Aber vielleicht ist meine Vorstellung von Freundschaft ja etwas naiv.

Wir verhalten uns ein Leben lang wie auf dem Pausenplatz

Forscher haben der "Welt" zufolge nämlich herausgefunden, dass knapp die Hälfte der Menschen, die wir als Freunde bezeichnen, unsere Freundschaft gar nicht erwidern. Die Ursache dieser Fehleinschätzung sehen die Wissenschaftler im sozialen Status: Je höher man sich bewegt, desto weniger neue Freunde will man. Je tiefer der Status, desto mehr will man mit jenen befreundet sein, die mehr Ansehen geniessen.

So gesehen verhalten wir uns ein Leben lang wie auf einem riesengrossen Pausenplatz: Abhängen wollen wir mit den Coolen – vielleicht färbt deren Coolness ja eines Tages auf uns ab. Nur: Wahre Freundschaft ist das nicht.

Deinen echten Freunden sollte es egal sein, ob dein Papi stinkreich ist oder du der neue Zuckerberg bist. Wenn du deinen Status in der Gesellschaft mal verlierst, sind es die wahren Freunde, die trotzdem blieben. Sie zeigen dir die Mitte, wenn du nicht mehr weisst, wo oben und unten ist.

Freundschaft ist zur Luxusware verkommen

Meine Freunde sind meine härtesten Kritiker, meine besten Wegweiser, meine beste Medizin. Sie verstehen mich, auch wenn wir ein Jahr lang nichts voneinander hören. Und vor allem: Sie brauchen keine Instagram-Likes von mir, um zu wissen, dass wir uns nahe stehen. 

Ich habe jedoch das Gefühl, das wahre Freundschaft zur Luxusware verkommen ist. Wir alle könnten locker die Hälfte unserer Facebook-Freunde sperren – Konsequenzen hätte es keine. Sind wir im Zeitalter von Social Media nicht total verblendet, wenn es um Freundschaft geht? Wir laufen ständig Gefahr, Freundschaft mit Bestätigung zu verwechseln. Und vergessen, dass eine Freundschaftsanfrage auf Facebook eben nicht heisst: Lass uns gemeinsam mit einer Flasche Prosecco auf der Parkbank die ganze Nacht durchquatschen.

"Freunde sein" ist irgendwie oberflächlich geworden. Wir sollten wieder mehr geben, anstatt nur zu nehmen. 

Sind wir zu oberflächlich, um gute Freunde zu sein?

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