Beim Flirten ist Schluss mit Emanzipation

Wir wissen, was und wen wir wollen. Einen Mann dann aber auch selber ansprechen? Machen immer noch die wenigsten Frauen. Warum eigentlich?

Von: Karin Zweidler

Beim Flirten ist Schluss mit Emanzipation
Bild: Lukasz Wierzbowski
21 Dez '16
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Freitagabend – die Luft knistert, es riecht nach Parfum, Zigaretten, nach Abenteuer. Das Ausgehvolk hat sich rausgeputzt, der Alkohol fliesst – beste Flirt-Voraussetzungen. Und siehe da, der Typ dort, der sieht ja schon die ganze Zeit so rüber. "Mach doch mal was", beschwöre ich meine anvisierte Freundin, die sich selber fast den Kopf verrenkt nach ihm. Aber ansprechen? "Soll ER doch", findet sie, wir Freundinnen nicken verständnisvoll und das Thema ist erledigt. Aber warum eigentlich?

Erster Schritt? Immer noch nicht unser Job

Wahrscheinlich hat ihn jede meiner Freundinnen schon mal getan, den ersten – wichtig: nicht digitalen – Schritt. Das war dann aber so revolutionär, dass sich auch jede noch genau an den betrunkenen Moment oder die "Weisch no, dött"-Geschichte erinnern kann. Und diese eine Frau im Freundeskreis, die "imfall immer wieder Männer anspricht" oder ihnen Nummern zusteckt, ganz ohne Mut-Schnaps, BFF-Beratung und grosses Trara, die ist vor allen Dingen eins: Immer noch erwähnenswert.

Wir Frauen sind emanzipiert, das ist uns wichtig. Dass wir studieren und arbeiten, was wir wollen, Sex haben, mit wem wir wollen, ist für uns im Jahr 2016 zum Glück genau so logisch wie die Tatsache, dass putzen keine Frauensache ist. Wir lesen feministische Bücher, sind selbstbestimmt und brauchen ganz sicher niemanden, der uns die Tür aufhält. Aber den ersten Schritt machen? Immer noch nicht unser Job. Irgendwie geht das nicht auf.

Bequemlichkeit, Angst, falscher Stolz?

Sind wir zu bequem? Haben wir Angst vor Ablehnung? Oder steht uns falscher Stolz im Weg? Wahrscheinlich von allem etwas – oder ganz viel. Sich darauf auszuruhen, dass das ja eh nicht unsere Aufgabe ist: ziemlich angenehm. Wer kein Wagnis eingeht, riskiert kein verletztes Ego. Wenn Körbe verteilt werden, ist die gebende Position die einfachere. Lieber mitleidig lächeln, sorry, heute echt nicht – oh nein, der Arme – als selber einen kassieren. Und sowieso: Er muss uns ja schon auch genug wollen, der Mann. Wenn wir dann das Ansprechen übernehmen, ist es ja viel zu easy, sich auf die Sache einzulassen, oder? Wer sagt denn, dass er die nächste nicht auch genommen hätte? Da muss schon Einsatz her.

Selber bestimmen mit wem wir reden

Und klar, schlussendlich machen all diese Argumente irgendwie auch Sinn. Das Ding ist nur: Für Männer funktionieren sie genauso. Wenn wir also Gleichberechtigung fordern, sollten wir vielleicht auch hier die längst verstaubten Rollenbilder ausmisten, die es sich anscheinend doch immer noch in unseren Köpfen bequem gemacht haben. Und kurz weiter denken: Wenn wir alles selber bestimmen können im Leben, dann ja wohl auch, mit wem wir reden, oder? Seien wir also mutig und denken wir vor allem wenigstens mal über die Option nach, es zu tun. Vielleicht ist die Schüchternheit auch dann immer noch grösser. Solange sie aber geschlechterunabhängig ist, ist sie auch völlig okay.

Machst du den ersten Schritt beim Flirten?

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