"Ich habe das Hochstapler-Syndrom"

Ein Persönlichkeitstest hats bestätigt: Textpraktikantin Sophia Cosby hat ständig Panik, als Betrügerin aufzufliegen – obwohl sie gar keine ist.

Bild: Rike Hug Wenn es ums Modeln geht, ist Sophia tatsächlich eine Hochstaplerin.
30 Nov '16
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Normalerweise meide ich Persönlichkeitstests. Bisher waren die Ergebnisse nämlich immer Blödsinn. Doch nach zwei Gläsern Wein hatte ich am Sonntagabend Lust auf seichte Unterhaltung und klickte daher auf "Diese mega-persönlichen Fragen werden dir dein wahres Selbst zeigen" auf "Buzzfeed". Das Ergebnis dieser mega-persönlichen Fragen? Ich sei "zielstrebig, aber unsicher". Hmm. Dieses Quiz hat offenbar tatsächlich Ahnung davon, wer ich bin.

Schon als Kind wusste ich ganz genau, was ich will. Mit zehn Jahren war es mein Traum, FBI-Agentin zu werden. "Es wird ein harter Job sein", erklärte ich meiner Mutter eines Morgens beim Frühstück, "aber sicherlich sehr spannend." Acht Jahre später entschied ich mich dann doch für ein Literaturstudium an der University of Edinburgh – ebenfalls höchst ambitioniert. "Ich werde für Zeitschriften wie 'The New Yorker' schreiben", teilte ich meinen Eltern per Skype mit.

Die eigenen Erfolge anzuerkennen ist schwierig

Jetzt bin ich 24, habe einen Bachelor in Literaturwissenschaften, den Master in Mode-Journalismus, meine Texte wurden schon in mehreren englischsprachigen Publikationen veröffentlicht. Zudem habe ich zwei abgeschlossene Praktika und vor sechs Wochen ein weiteres hier bei Friday angefangen.

Die Liste meiner Leistungen ist ziemlich lang. Aber trotzdem fällt es mir schwer, meine Erfolge als solche anzuerkennen. Seit einer Weile weiss ich, dass man das Hochstapler-Syndrom nennt: Menschen, die daran leiden, sind keine echten Hochstapler – sie fühlen sich wie Betrüger, obwohl sie keine sind. Sie neigen dazu, ihre Erfolge externen Faktoren wie Glück, Zufall oder Mitleid zuzuschreiben. Besonders Frauen sind vom Hochstapler-Syndrom betroffen, denn wir neigen mehr zur Selbstkritik als Männer und unterschätzen somit ständig unser Können. Zudem setzen wir uns oft selbst unter Druck – etwas, was ich allzu gut kenne: Ich bereite mich auf jede potenzielle Entlarvung meiner Unfähigkeit – die es ja vermutlich nie geben wird – vor. Und das mache ich schon seit meiner Schulzeit.

Diese altbekannten Panik-Gedanken

In der elften Klasse habe ich mich für einen Chemie-Leistungskurs angemeldet. Meine Mitschüler waren alle hochbegabte Mathegenies. Jeden Abend habe ich stundenlang Formeln und Fachbegriffe auswendig gelernt, nur, um mit ihnen mithalten zu können. Im Unterricht und bei jeder Prüfung hatte ich Panik. Meine grösste Angst war es, dass sie herausfinden könnten, dass ich eigentlich gar nicht so schlau bin.

Auch jetzt, beim Schreiben diesen Artikels, ergreifen mich die altbekannten Panik-Gedanken: Was habe ich überhaupt auf dieser Redaktion verloren? Ich? Textpraktikantin? Ich kann mir immer noch nicht erklären, warum ausgerechnet ich diese Stelle bekommen habe. Irgendwann werden mich meine Kolleginnen ganz bestimmt als Hochstaplerin entlarven.

Lieber Hochstapler-Feeling als Nichtstun

Dieses Hochstapler-Feeling werde ich wahrscheinlich nicht so schnell los, aber so schlimm ist das auch nicht. Eine  Studie belegt nämlich, dass das Syndrom eine Triebfeder sein kann. Wenn man sich ständig dazu verpflichtet fühlt, etwas Grossartiges zu leisten, klappt das auch im besten Fall. Und das kommt mir ja gerade recht.

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