Was bringt ein Achtsamkeits-Kurs?

Verzettelt ihr euch auch so oft und fühlt euch getrieben? Mindfulness soll helfen, achtsamer und gelassener zu werden. Redaktorin Irène Schäppi hats versucht: In einem Kurs in Kalifornien.

Was bringt ein Achtsamkeits-Kurs?
Bild: Matthieu Bourel Mindfulness hilft runterzukommen.
23 Okt '16
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Hinter mir schnarcht jemand. Ziemlich laut sogar. Am liebsten möchte ich mich kurz umdrehen. Oder loslachen. Das wäre aber kontraproduktiv. Ich hocke mit etwa 80 Leuten im Schneidersitz am Boden und versuche mit geschlossenen Augen der Achtsamkeitsmeditation von Diana Winston zu folgen. Sie ist Direktorin des Mindfulness Awarness Research Center (Marc) der University of California in Los Angeles und führt uns bei einem dreitägigen Retreat etwas ausserhalb von Santa Barbara in Mindfulness ein. 

Die neue Glücksformel

Mindfulness liegt im Trend und soll dabei helfen, ausgeglichener und glücklicher zu werden. Celebs wie Emma Watson schwören darauf. Und ich will es auch erlernen. Denn ständig hänge ich am Smartphone, checke E-Mails, studiere an meinen Insta-Posts herum und stalke vor dem Schlafen Stars auf Snapchat. Wenn ich mal nichts tue, verirre ich mich in meinen Gedanken, denke an das, was gestern war oder auf mich zukommt. Abschalten sieht anders aus. Nun soll ich es also lernen.

Was ist Mindfulness?

Aber worum geht es bei Mindfulness genau? In einem Satz ausgedrückt: "Im Hier und Jetzt zu leben." Oder anders gesagt: Jeden Moment und jedes Gefühl – ob gut oder schlecht – bewusst zu erfahren und zu versuchen, nicht darüber zu urteilen. Gelassenheit und Mitgefühl, für sich selbst wie für andere, lautet die Maxime. Das gilt dann wohl auch für das Schnarchen hinter mir.

Trotzdem fällt es mir schwer, nicht darauf zu reagieren. Ich fühle mich gestört. Meine Gedanken liefern sich ohnehin schon ein Wettrennen. Und dieses Kleid, das ich an der famosen Shoppingmeile Abbot Kinney entdeckt habe, geht mir auch nicht mehr aus dem Kopf. Zudem nerven die vielen Fliegen, die herumschwirren.

Kein Shanti-Shanti

Diana hingegen bleibt total relaxt und rät, sich bei abschweifenden Gedanken auf die Atmung zu konzentrieren. Überhaupt strahlt die Direktorin des Marc eine unglaubliche Ruhe aus. Sie hat fast was von einer spirituellen Meisterin. Räucherstäbchen und Shanti-Shanti-Gesänge sucht man hier jedoch vergebens: Der Retreat findet in einem ehemaligen Kloster statt, alles ist sehr spartanisch eingerichtet.

Miteinander reden dürfen wir in der Gruppe nicht, Schweigen soll uns dabei helfen, noch tiefer in die Achtsamkeit einzutauchen. Ein weiteres No-Go ist es, den anderen Teilnehmern direkt in die Augen zu schauen, das würde uns von der Meditation ablenken. Wir richten unseren Blick darum meistens auf den Boden oder schauen ins Leere.

Wie die Zombies aus "The Walking Dead"

So etwa bei der Walking Meditation, einer Mindfulness-Praxis, bei der wir achtsames Gehen üben. Wir schreiten auf dem Gelände immer wieder dieselbe Strecke ab, hin und her – nicht mehr als zwanzig Schritte, jeder für sich, bis ein Gong ertönt. Klingt schräg und ist es auch. Wir sehen bei dieser Übung ein bisschen wie die Zombies aus "The Walking Dead" aus. Trotzdem wirkt dieses achtsame Gehen beruhigend. Es tut gut, sich nur auf etwas zu fokussieren, Schritte zu zählen und zu spüren, wie sich das Gras unter den Füssen anfühlt.

Egal, was andere über einen denken

Das Schweigen hat einen ähnlichen Effekt auf mich: Obwohl ich mit jemandem über meine Erfahrungen bei diesem Retreat quatschen oder über die Schnarcher ablästern möchte, ist es entspannend, mal die Klappe zu halten. Sich nicht um die Aufmerksamkeit eines Gegenübers zu bemühen, versuchen beliebt zu sein oder mir Sorgen darüber machen, was andere von mir denken. Was zählt, ist der Moment. Und wie ich damit umgehe.

Den anderen Teilnehmern gehts ähnlich, wie sie mir am Ende des Retreats erzählen. Sobald die Stille offiziell aufgehoben ist, schnattern wir wie wild drauflos, sprechen darüber, wie es uns ergangen ist. Alle voller Stolz, das Schweigen nicht gebrochen zu haben und irgendwie erleuchtet.

Mindful im Alltag

Klar, drei Tage intensives Mindfulness-Training reichen nicht fürs Nirvana, sind aber schon mal ein Anfang. Und ich habe gelernt, dass ich, um achtsam zu sein, nicht unbedingt in Kalifornien bleiben muss. Den Moment bewusst erleben kann ich auch hier in der Tram. Indem ich mal nicht aufs Handy starre, sondern darauf achte, was um mich herum passiert. Den Moment bewusst erlebe. Ohne zu urteilen. Das sollte ich jetzt hinkriegen.

 

Mindfulness in der Schweiz

  1. Stefan Lang

    Stefan Lang ist Diana Winstons Empfehlung. Er ist Experte für Buddhismus und Meditation.

  1. Karuna

    Im Meditationszentrum Beatenberg gibts Kurse, die auf der Erkenntnismeditation basieren. Dauer: zwei Tage bis vier Wochen.

  1. MBSR-Verband Schweiz

    Hier können sich Interessierte über Stressbewältigung durch Achtsamkeit informieren.

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