"Ich hab jetzt zwei Zuhause"

Nach zehn Wochen Berlin ist es für Gast-Bloggerin Karin Zweidler Zeit, nach Hause zu gehen – wo das genau ist, muss sie nun wohl neu definieren.

Bild: Karin ist jetzt erstmal wieder zurück. Wege nach Berlin gibts aber zum Glück viele.
04 Aug '16
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Zum ersten Mal stutzig wurde ich vor vier Wochen. Ganz kurz, für ein Wochenende nur, hab ich damals eine Berlin-Pause eingelegt und bin nach Zürich geflogen – nach Hause. Freunde, See, Sommer, Familie im Schnelldurchlauf: verwirrend am zackigen Hin und Her war einiges. Am allermeisten aber, dass sich für meine Berlin-Rückreise das Verb "heigoh" in meine Abschiedsworte schmuggelte.

Nur einmal und völlig unbewusst ist es mir rausgerutscht – hat aber gereicht: Die teils schockierten "dass du mir ja zurückkommst!"-, beleidigten "aha, so schnell geht das also"-, aber auch gerührten "wir müssen sie ziehen lassen"-Blicke meiner Freunde liessen mich nachdenken. Was ist da los? Geht das wirklich so schnell? Und jetzt, am Ende meines Berlin-Experiments, frage ich mich noch viel mehr: Was macht einen Ort zum Zuhause? Und: Muss man sich für eins entscheiden?

Kühlschrank-Naschen ohne Fragen

Ich kenn mich mittlerweile aus in Berlin. So gut, dass ich Google Maps auch dann nicht öffne, wenn ich den Weg nicht wirklich kenne. Ich treffe Leute. Per Zufall – an der U-Bahnstation, im Club, im Späti – was bei in einer dreieinhalb Millionenstadt irgendwie noch mal viel mehr einfährt. Auch wenn mein Datenvolumen der deutschen Nummer längst aufgebraucht ist, schneien auf meinem Handy immer wieder Nachrichten rein – automatisches Wifi-connect, dich schickt der Himmel. Ich kenne die Stadt zu ihren guten (Sommer) aber auch ihren schlechten Zeiten (Winter, iih, bäh), nerve mich über ganz viele Dinge und liebe sie immer noch. Ich habe hier Freunde, bei denen ich ungefragt was aus dem Kühlschrank hole und weiss, dass es okay ist. Denen ich mit Nagellack den Küchentisch ruiniere und weiss, dass auch das fast okay ist.

Alle Zeichen stehen auf neue Heimat. Und trotzdem: Wenn immer jemand in den letzten Wochen die Schweiz erwähnt hat, war es nullkommaplötzlich da, das warme Gefühl in der Magengegend. Sogar wenns um Dinge ging, die mich sonst nerven. Bünzli? Hach, gar nicht so schlimm. Überpünktlichkeit? Irgendwie süss.

Anstrengend. Aber auch das Allerschönste

Und jetzt? Bin ich nach zehn Wochen auf einmal wieder zurück in Zürich. Und in der Zwickmühle: Trotz unglaublicher Schweiz-Vorfreude flossen die Tränen beim Berlin-Tschüss-Sagen en masse. "Dann bleib halt einfach?!", raten die Berliner, die mein Problem gerade so gar nicht verstehen. Voll gern. Nur: In Zürich würd mir der Abschied nicht ein mini-bisschen leichter fallen.

Ganz ehrlich: Ich kann mich nicht entscheiden. Und mir ist klar geworden: Ich muss auch nicht. Ich hab jetzt einfach zwei von diesen Zuhause (auch wenn der Duden sagt, es gäbe Zuhause nur in Singular). Die Tränen fliessen, wenn ich für länger nach Berlin fliege. Und wenn ich wieder gehe, dann fliessen sie wieder. Ich bin an beiden Orten ein bisschen, aber doch nicht ganz. Ganz schön anstrengend. Aber wahrscheinlich auch das Allerschönste.

Ein Sommer in Berlin

Karin Zweidler ist 25 und schreibt regelmässig als freie Autorin für Friday und andere deutschsprachige Medien. Mit Techno kann sie gar nichts anfangen, Berlin liebt sie trotzdem. Das hat sie gemerkt, als sie vor drei Jahren kurz dort gelebt hat. Weil die Sehnsucht gross ist, verbringt sie diesen Sommer wieder in Berlin – und bloggt bei uns über das Grossstadtleben.

 

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