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"Wer nicht mit aufs Klo geht, ist aussen vor"

Drogen sind im Berliner Nachtleben fast schon eine Selbstverständlichkeit. Gast-Bloggerin Karin Zweidler hat nachgefragt, ob das tatsächlich so easy ist, wie alle tun.

21 Jul '16
zurück +30 -41
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Berlin feiert. Nicht nur freitags oder samstags – wer hier Party will, kriegt sie an jedem Wochentag, zu jeder Uhrzeit und gern auch drei Tage durchgehend. Die endlosen Nächte, für die die Stadt berühmt ist, kosten Kraft. Und wie überall, wo es Afterhours gibt, kommt die Kraft halt oft nicht nur vom Vorschlafen oder exzessiven Club-Mate-Konsum.

Das war mir schon vor diesem Sommer klar. Wie selbstverständlich hier aber mit Partydrogen umgegangen wird, irgendwie nicht. Ich selber kann damit nichts anfangen. Mein Berliner Umfeld grösstenteils auch nicht. Und trotzdem: Während chemische Substanzen in anderen Städten zwar konsumiert, das Thema aber gern unter den Tisch gekehrt wird, sind Partydrogen in Berlin kein Tabu, sondern Smalltalk-Stoff. Mit MDMA, Koks & Co. schockiert man hier niemanden.

Ich will wissen warum. Ich will wissen, wie offen man in Berlin wirklich mit Drogen umgeht und ich will wissen, ob das alles wirklich so easy ist. Also habe ich bei drei feiererprobten Berlinern nachgefragt.

Linda*, 27, PR-Managerin

"Ich wurde kalt, hart und gleichgültig"

"In der Agentur, in der ich gerarbeitet habe, hats jeder genommen. Wir haben alle so viel gearbeitet, dass wir auch die gesamte Freizeit miteinander verbracht haben. Und irgendwann wollte ich dann auch wissen, wie sich das anfühlt: Kokain. Aus reiner Neugier. Kann ja nicht so schlimm sein, die anderen kippen ja auch alle nicht weg. Früher hätte ich mir nicht ansatzweise vorstellen können, dass ich Drogen jemals auch nur anrühre. Plötzlich hab ich dann jedes Wochenende Lines gezogen.

Mir gings arbeitstechnisch nicht gut, ich hatte Stress und wollte wenigstens an den Wochenenden nicht nachdenken, sondern Spass haben, mein Leben einfach nur super finden. Das Koks hat mein Ego riesig gemacht. Dass ich betrunken war, hab ich immer nur gemerkt, wenn der Handy-Bildschirm mal wieder so verschwommen war. Ich wurde kalt, hart und gleichgültig. Wer nicht mit mir gefeiert hat, den hab ich einfach vergessen. Nein, das war keine feine Zeit. Gar nicht. Aber zum Glück hab ichs irgendwann selbst gemerkt und die Notbremse gezogen: Ich halte mich seit längerem von Partys fern, hab meinen Agentur-Job gekündigt und weniger Stress. Das sind Drogen, das ist kein Spass."

Sebastian, 29, Freelancer

"Draufsein ist der einfachste Weg in die Party-Szene"

"Drogen sind normal hier. So normal, dass meine Begleitung es nicht mal für nötig hielt, Bescheid zu sagen, als sie damals ihr MDMA-gepunchtes Bier mit mir teilte. Das war meine einzige Drogenerfahrung – und sie war unfreiwillig und hat mich wütend gemacht. Ich bin die Ausnahme. Der, der feiert, aber nichts nimmt. In meiner Heimat, der Kleinstadt Münster, war ich nie mit Drogen konfrontiert. Mittlerweile wohne ich vier Jahre hier, feier oft und viel - und das Drogenthema ist absolut omnipräsent. Auf Partys wird konsumiert – und zwar en masse. Es ist halt einfach so: Draufsein ist der einfachste Weg, in der Feier-Szene akzeptiert zu werden. Wer nicht mit aufs Klo geht oder bei den Diskussionen über Trips nicht mitreden kann, ist aussen vor. Vor allem Leute, die kein grosses Selbstbewusstsein haben, werden da schnell schwach. Vielleicht finden es deshalb auch viele cool, dass ich auch zwei Tage im Berghain durchhalte, ohne was zu nehmen."

Charlotte*, 28, Veranstaltungskauffrau

"Fürs Bar-Personal gibts eine Begrüssungs-Line"

"Ich war eigentlich immer total Anti-Drogen - bis ich einmal betrunkenerweise einfach ja gesagt habe, als mir eine Freundin Kokain angeboten hat. Ein schlechtes Gewissen hatte ich danach nicht. Ich fands nur aufregend. Und richtig, richtig gut. So gut, dass ichs wieder machen wollte. Zusammen mit einer Freundin hab ich ein paar Jahre lang viel ausprobiert. Beim Feiern für die Glücksgefühle, bei meinem Bar-Job um durchzuhalten. Den klassischen Runterkomm-Tag hatte ich nie, mir gings nie schlecht danach. Das hat das Suchtpotenzial natürlich gross gemacht.

In Berlin bin ich ja auch an der richtigen Adresse: Der Umgang mit Drogen ist hier sehr offen - grad in der Techno-Szene. Muss er ja auch – die Clubs sind geradezu darauf ausgelegt. Nur schon, dass die frühestens um drei Uhr mal richtig voll werden. Das schafft man ja fast nicht ohne Aufputscher. Fürs Personal gibts in manchen Clubs eine Begrüssungs-Line - damit alle schön fit bleiben. Trotzdem gibts natürlich auch die, die nichts nehmen: Die Mehrzahl meiner Freunde ist sogar strikt dagegen. Ich selber weiss auch, dass Drogen auf Dauer nicht cool sind. Deswegen halte ich mich derzeit von Partys fern, damit die Versuchung kleiner ist. Mein grösstes Problem damit ist, dass ich nur gute Erfahrungen damit gemacht habe."

*Namen von der Redaktion geändert

Ein Sommer in Berlin

Karin Zweidler ist 25 und schreibt regelmässig als freie Autorin für Friday und andere deutschsprachige Medien. Mit Techno kann sie gar nichts anfangen, Berlin liebt sie trotzdem. Das hat sie gemerkt, als sie vor drei Jahren kurz dort gelebt hat. Weil die Sehnsucht gross ist, verbringt sie diesen Sommer wieder in Berlin – und bloggt bei uns über das Grossstadtleben.

 
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