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Die härteste Tür der Welt - und ich

Gast-Bloggerin Karin Zweidler hat schon viele Nächte in Berlin erlebt, im weltberühmten Berghain war sie aber noch nie - bis jetzt.

Die härteste Tür der Welt - und ich
Bild: Karin Zweidler Dieser Betonklotz zieht partyhungrige aus der ganzen Welt an.
07 Jul '16
zurück +28 -23
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Wer da war, erzählt von nackten Menschen. Von Körperflüssigkeits-Austausch mitten auf der Tanzfläche, von düsterstem Techno und totaler Ekstase. Das Berghain sei eine Parallelwelt, heisst es. Eine, in der alles erlaubt sei - ausser Fotos schiessen. Eine, in die man am Samstagabend eintauche und sie, wenn man will, erst am Montagmorgen wieder verlasse. Ich war noch nie da.

Wer rein will, wartet

Vielleicht lags an der Schlange, auf die ich nie Bock hatte: Um reinzukommen wartet man - gerne auch mehrere Stunden. Ob’s wirklich klappt, weiss man erst, wenn man drin ist: Die Berghain-Tür gilt als „die Härteste der Welt“. Vielleicht schreckten mich auch die Sofas ab, auf die man sich laut Dagewesenen auf keinen Fall setzen sollte, weil man weiss, was da alles schon passiert ist. Ganz sicher mag ich aber auch Techno zu wenig. Fakt ist: Irgendwann wollte ich hin, ganz bestimmt, nur dringend genug wars irgendwie nie.

Bis der Berghain-Trainer kam. Es war Sonntagabend und meine beste Freundin auf Berlin-Besuch. Wir lagen schon im Bett und wollten Tatort schauen. Das Blöde: Es kam keiner. Auf der Suche nach einer Alternative, stiessen wir auf eine Website, die uns einen virtuellen Berghain-Türsteher vorsetzte, der mit strengem Blick Dinge fragte wie: "Bist du alleine da?" Wir waren fasziniert vom Reinkomm-Zirkus und entschieden: Wenn schon kein Tatort, dann halt Berghain.

Not today: Der virtuelle Berghain-Türsteher wollte mich schon mal nicht reinlassen.
Not today: Der virtuelle Berghain-Türsteher wollte mich schon mal nicht reinlassen.
 

 

Bild: Screenshot: berghaintrainer.com

Versuch 1: Ich fühl mich wie mit 16

Schwarz angezogen sollen wir sein, sagt ein Freund, den wir um Rat fragen. Möglichst abgefuckt aussehen und auf keinen Fall euphorisch sein. Und dann sagt er: „Sonntag-Abend könnt ihr aber vergessen, dann hilft nur noch Gästeliste“. Pff - klar kommen wir rein! Wir schmeissen uns in schwarze Outfits. Unsere Haare und Gesichter lassen wir so, wie sie sind.

Auf dem Weg dorthin steigert sich meine Freundin komplett rein, lernt sogar DJ-Namen auswendig. Ich selber werde nervös und fühle mich wie mit 16 und gefälschtem Ausweis. Dann thront auf einmal ein Betonblock vor uns. Mystisch ist er, umgeben von Plattenbauten, Industrie, etwas Gebüsch (hinter dem ein Mann in Ledergstältli seine Runden dreht). Von drinnen hört man den Bass. Dieser Platz ist faszinierend.

Eine Schlange gibts um diese Uhrzeit nicht mehr. Wir laufen also straight zu den Türstehern und tun so, als ob wir das jedes Wochenende machen würden. Mit einem knappen: "Nur noch Liste", ist die Sache erledigt, bevor sie angefangen hat. Unsere Enttäuschung hält sich in Grenzen, wir waren halt zu spät. Klar ist aber: Jetzt will ich wiederkommen!

Versuch 2: Vor mir wird Make-Up verschmiert

Den zweiten Versuch starte ich schon um 15 Uhr. Wir stellen uns in die Schlange, die jetzt mindestens 50 Meter lang ist und geben uns Mühe, abgefuckt auszusehen. Ich sehe weiss geschminkte Gesichter, Netz-Shirts und tatsächlich: Fast nur schwarze Kleidung. Hinter mir liest ein Mädchen gemütlich im E-Reader, vor mir werden Haare verwuschelt, das Make-up ein letztes Mal verschmiert. Ich kann das hier alles nicht wirklich ernst nehmen.

Nach 45 Minuten erreichen wir den Türsteher, den ich möglichst gelangweilt anschaue. Er mich auch. Dann ein: "Nö". Wie bitte? Ich will etwas sagen, trau mich aber nicht. Wir laufen weg, und ich bin - auch wenn das ja anscheinend ständig passiert - ziemlich empört und persönlich beleidigt. Pf.

Versuch 3: Drinnen!

Ich kann die Abfuhr nicht auf mir sitzen lassen. Schon alleine wegen diesem Artikel will ich reinkommen. Also ziehe ich alle Register und befolge beim dritten Mal Trick Nr. 829: Alleine hingehen - morgens. In weiser Voraussicht schminke ich mich am Samstagabend nicht ab und wache am Morgen mit Ringen unter den Augen auf. Das wird ihnen gefallen, denke ich, male mir zusätzlich schwarze Kajal-Punkte unter die Augen - und finde die Sache schon wieder ziemlich lächerlich.

Eine Stunde später ist es soweit: Der Türsteher winkt mich durch. Ich stolpere in den Garderobenraum, wo mir jemand meine Handy-Kamera mit Sticker abklebt. Unfassbar hohe Räume, Nischen, in die ich mich nicht zu genau zu schauen traue und Podeste, auf denen Menschen in mehr oder weniger vorhandenen Outfits tanzen.

So richtig entspannen kann ich mich hier nicht. Vielleicht würde ich aber alles lockerer sehen, wenn ich selber vorher gefeiert hätte. Ich geb mir eine Stunde, sauge die - wirklich gute - Musik auf und bin fasziniert von alledem. Dann kriege ich Sehnsucht nach Menschen, die was anhaben, nach Sonnenlicht und heiler Sonntags-Welt - und gehe ein Glacé essen. Berghain, wir passen irgendwie nicht so richtig zusammen. Aber das wussten wir ja eigentlich schon vorher.

Ein Sommer in Berlin

Karin Zweidler ist 25 und schreibt regelmässig als freie Autorin für Friday und andere deutschsprachige Medien. Mit Techno kann sie gar nichts anfangen, Berlin liebt sie trotzdem. Das hat sie gemerkt, als sie vor drei Jahren kurz dort gelebt hat. Weil die Sehnsucht gross ist, verbringt sie diesen Sommer wieder in Berlin – und bloggt bei uns über das Grossstadtleben.

 
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