Author

Eine Woche Grossstadt mit 100 Euro

Arm aber sexy: Wie billig kommt man in Berlin wirklich durchs Leben? Gastbloggerin Karin Zweidler hat versucht, sich eine Woche mit 100 Euro durchzuschlagen.

Eine Woche Grossstadt mit 100 Euro
Bild: Karin Zweidler Die 2 Euro für das Passfoto zählen noch nicht, oder?
30 Jun '16
zurück +15 -9
30 Jun '16
zurück +15 -9

Ich kann viele Dinge gut. Sparen gehört defintiv nicht dazu. Das ist in Berlin aber zum Glück auch nicht nötig. Arm aber sexy, so sagt man, sei die Stadt. Und es stimmt: als Schweizerin gehts mir hier richtig gut. Sushi gehört zu meinen Grundnahrungsmitteln, das Taxi nehme ich auch mal wenns nicht so nötig ist und ich ordere ganze Weinflaschen in Restaurants. Ohne dass mir schlecht wird, wenn die Kreditkartenabrechnung Ende Monat kommt.

Berlin ist günstig, so viel ist klar. Aber wie günstig denn eigentlich wirklich? Das will ich jetzt wissen – und versuche, eine Woche von einem einzigen 100-Euro-Schein zu leben. Ein Betrag, den man in Zürich ohne grosse Anstrengung an einem einzigen Abend raushauen kann.

MONTAG: Ich werde zum Sparfuchs

Zu Hause essen ist billiger, weiss jeder. Also starte ich voller Elan mit einem Grosseinkauf beim Billig-Discounter. Obst, Gemüse und was man sonst so braucht, kosten mich unglaublich günstige 12.65 Euro. Das Tagesbudget ist somit trotzdem fast ausgeschöpft. Weil heute aber Home-Office-Tag ist, geht das in Ordnung. Nach getaner Arbeit bin ich ganz motiviert, mir Gratis-Feierabendaktivitäten auszudenken. Es gibt ja so viele! Fahrrad fahren, Yoga (das Abo hab ich schon Anfang Monat gelöst, das zählt nicht), Lesen im Park. 100-Euro-Woche? Easy!

Ausgaben: 12.65 Euro

DIENSTAG: Free Drinks, euch schickt der Himmel!

Statt ins Büro zu fahren, arbeite ich auch heute von zu Hause aus, weil: weniger Versuchungen. Kein Coffee-to-go, der mich anlacht, keine Obdachlosen, denen ich etwas geben möchte, kein U-Bahn-Ticket, das ich kaufen muss. Essen ist ja eh genug da. Mittags wird mir langweilig. Ich rufe meine Freundin an, die Quittung dafür kommt zwei Minuten nach dem Gespräch per SMS: Das Deutsche Handy-Guthaben will aufgefüllt werden. Ich verlasse das Haus und kaufe 5, statt wie sonst immer 20 Euro Guthaben. Am Abend steht ein Strassenfest an und die ganze Stadt feiert. Ich habe mit Freundinnen Gästelistenplätze für die Red Bull Bühne im Mauerpark. Das ist sowieso toll, in dieser Woche aber noch viel toller: Free Drinks, euch schickt der Himmel. Auf dem Nachhauseweg (natürlich mit dem Velo) liegt sogar ein Afterparty-Snack drin: Der Döner kostet 3.50. Ich liebe dich, Berlin!

Ausgaben: 8.50 Euro

MITTWOCH: Keine Lust auf Instant-Brühe

Heute muss ich arbeitstechnisch in die Stadt. Ich hab den Instant-Kaffee von zu Hause satt und gönne mir auf dem Weg einen fancy Soya-Flat-White: 3.20 – ups, ein ganzer Döner. Den weiteren Tag schaffe ich gut (Mittagessen gibts für 6 Euro), kritisch wirds erst wieder am Abend: Mit einer neuen Freundin bin ich zum Weintrinken verabredet und das Tagesbudget gibt noch schlappe fünf Euro her, in der Schweiz nicht mal ein Glas wert. Hier liegen tatsächlich zwei drin.

Ausgaben: 15.20 Euro

DONNERSTAG: Sparen nervt.

Ich habe frei und ich will was unternehmen. Erstes Problem: Das Wetter spielt nur semi-gut mit, zweites, man ahnt es: das Budget. Was macht man denn bitte mit 14 Euro? Kino kommt mir, obwohl nur 8 Euro, zu dekadent vor. So viel Geld will ich heute ich nicht auf einmal raushauen. Shoppen? Ähm. Auch nicht. Sparen nervt. Also Yoga. Anschliessend muss ich aus Frustration leider bescheissen und gehe ins Café von einem Freund, wo ich einen gratis Kaffee und Cheesecake abstaube. Abends bin ich mit meiner Freundin verabredet. Sie möchte ins Restaurant Freischwimmer, direkt an der Spree und findet: "Das haben wir uns verdient!" Find ich auch. Stattdessen landen wir bei ihr zu Hause, essen Salat (ich hatte eh noch Gemüse im Kühlschrank), trinken Apérol (der geht auf sie) und streichen ihre Wohnung. Leider bleibe ich so lange, dass die U-Bahn nicht mehr fährt und ich das Taxi nehmen muss. Ja gut, dann wär auch Freischwimmer dringelegen.

Ausgaben: 21.60 Euro

FREITAG: Herausforderung: Schweiz-Besuch

Okay, langsam hab ich gar keine Lust mehr. Ich hab mir einen Nerv im Rücken eingeklemmt, kann meinen Kopf im 3 cm-Radius bewegen und mir gemäss Budgetplan nicht mal die Apotheke leisten. Tigerbalm muss reichen. Nächstes Problem: Heute Abend kommt Schweizer Besuch und auf Sparen hat der ganz bestimmt keine Lust. Ich trau mich fast nicht, die Botschaft zu überbringen – mach ich schlussendlich auch nicht, sondern entführe meine Freundin ins Freiluftkino und nehme, mucho romantico, den Billig-Wein vom Späti mit. Ok, jetzt will sie feiern, ich rede Klartext. Wir landen im 5 Euro Karokeschuppen und haben trotzdem ziemlich viel Spass.

Ausgaben: 24.50 Euro

SAMSTAG: Ich muss mich einladen lassen

Immer noch Besuch. Wir gehen frühstücken – ich nehme das kleine und lasse den frisch gepressten Orangensaft für einmal weg. Nächster Besuchs-Programmpunkt: Shoppen. Ich kaufe mir – wohoo – einen Nagellack. Das schöne an der Sache: Das Spar-Ende ist in Sicht. Am Abend dann Abschiedsessen, meine Freundin möchte in ein Szenerestaurant, das alles andere als günstig ist. Ich bin müde vom Nein- und Absagen und gehe mit. Kurz nicht aufgepasst kommt das böse Erwachen dann mit der Rechnung: 93.80 Euro. Wir haben das Wochen-Budget mal eben in einem Essen für zwei rausgehauen. Anscheinend ist das auch in Berlin möglich. Ich schlucke leer und will kapitulieren, meine Freundin reisst die Rechnung an sich und bezahlt. Nicht der Sinn der Sache. Aber läuft gut mit der 100-Euro-Woche.

Ausgaben: 11.60 Euro

SONNTAG: Ende in Sicht und Budget-Sushi

Besuch ist abgereist, ich treff mich mit meinen Freunden zum flohmarkten. Ich habe ein schlechtes Gewissen vom Vortag und halte mich zurück und kaufe im Wissen, dass die Woche morgen zu Ende ist, genau: nichts. Im Park gibts anschliessend statt Drinks Sektbowle mit Tiefkühlbeeren, selbstzubereitet aus dem Supermarkt. Am Abend bestelle ich Sushi: mit 6.50 bisch däbi. Die sieben Tage wären geschafft.

Ausgaben: 9.60 Euro

 

Ausgaben Total: 102.85 Euro

Wenn wir ein Auge zudrücken, hab ichs geschafft: 14.28 Euro am Tag – davon könnte man leben in Berlin (zumindest wenn nichts Unerwartetes passiert) und dabei wahrscheinlich so viel erleben wie an kaum einem anderen Ort.

Ein Sommer in Berlin

Karin Zweidler ist 25 und schreibt regelmässig als freie Autorin für Friday und andere deutschsprachige Medien. Mit Techno kann sie gar nichts anfangen, Berlin liebt sie trotzdem. Das hat sie gemerkt, als sie vor drei Jahren kurz dort gelebt hat. Weil die Sehnsucht gross ist, verbringt sie diesen Sommer wieder in Berlin – und bloggt bei uns über das Grossstadtleben.

 
comments powered by Disqus

Lies auch das