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"Der Exzess machts der Liebe schwer"

Tinder-Dates, Affären, kompliziert: Ist es wirklich so schwer, in Berlin eine feste Beziehung einzugehen? Gastbloggerin Karin Zweidler hat nachgefragt.

Bild: Karin Zweidler
23 Jun '16
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Die grosse Liebe finden, heiraten und dann für immer zusammen bleiben? So einfach wie wir früher dachten, ist das mit der Liebe heute irgendwie doch nicht. Das wissen wir mittlerweile – und diskutieren in WG-Küchen über Sinn und Zweck von Monogamie, stellen das Konstrukt der Ehe und die ewige Liebe beim ein oder anderen Glas Rotwein infrage.

Hier im Grossstadt-"Ich-hab-tausend-Möglichkeiten"-Berlin scheint das Thema Liebe aber irgendwie nochmal eine ganz andere Nummer zu sein. Beziehungen? Eher die Ausnahme. Gefühlt mein ganzes Umfeld schlägt sich mit Affären, Tinder-Dates, Semi-Beziehungen, Schnelllebigkeit und Nicht-Commitment rum. Ihre Erklärung dafür? "Typisch Berlin halt".

Perfekte Bedingungen oder Dilemma? 

Es scheint fast so, als hätte die Stadt den "Es-ist-kompliziert"-Status erfunden. Und das obwohl sie vor Spass-Mentalität, Kennenlern-Orten und menschlichem Überangebot nur so trieft. Die perfekten Bedingungen für alle Suchenden, könnte man meinen. Oder sind genau sie das Dilemma?

Ich hab mich in vier Liebesleben reingefragt und gemerkt: Wenn die Lichter nach der Party angehen und das Tinder-Becken ausgefischt ist, will man auch hier irgendwie doch nur das eine: Jemanden der bleibt und vielleicht ein Reihenhaus im Grünen.

Sophie, 31, Bloggerin, Single

"Man will den Blitz, der einschlägt. Obwohl jeder daran zweifelt, dass es den überhaupt gibt"

 

"So richtig offiziell wurde es mit keiner der Affären, die ich in meinen letzten sieben Jahren als Single hatte. Auch wenn die Männer manchmal ein oder sogar zwei Jahre am Stück in meinem Leben waren und all meinen Freunden immer klar war, wer der Mensch ist, mit dem ich gerade nicht zusammen bin aber irgendwie halt eben doch. Ich selber wäre oft bereit gewesen, es mit ihnen zu versuchen. Die Bereitschaft All-in zu gehen, kam von den Männern aber nie zurück. In einer Stadt wie Berlin denkt jeder, dass da noch mehr kommt. Das liegt am Über-Angebot. Man lernt schnell Leute kennen, die dann aber nur oberflächlich. Dafür ist Tinder ja das beste Beispiel. Wischen und zack, weiter, der Nächste. Man will schliesslich das Optimum, den Blitz, der einschlägt, obwohl jeder daran zweifelt, dass es den überhaupt gibt. Ich selber wünsche mir eine feste Beziehung. Ich will irgendwann aufs Land ziehen, Kinder kriegen, ein Haus bauen, das volle Programm. Ich weiss zwar nicht, ob ich an "für immer" glaube, aber ich glaube, wir sollten uns wieder mehr in die Richtung entwickeln, dass wir es tun."

Malena, 28, Studentin, in einer Beziehung

"Wenns passt, dann passts – auch hier"

 

"Ob es schwer ist, in Berlin eine feste Beziehung zu führen? Das fragen mich meine Freundinnen auch immer. Und es stimmt: Die Stadt ist voller Möglichkeiten, voller Männer, voller wilder Nächte. Meine Antwort lautet trotzdem: Ja. Ich bin seit vier Jahren glücklich verliebt, auch wenn ich das eigentlich nie so geplant hatte. Nach Berlin wollte ich seit ich sechzehn bin und immer dachte ich mir, wenn du gehst, dann als Single. Jetzt ist alles anders, als ich es mir vorgestellt habe – ändern würd ich trotzdem gar nichts wollen. Ich kann aber auch nicht sagen, wie sich die Stadt auf unsere Beziehung auswirkt, denn kennen gelernt haben wir uns in Peking, das ja genau so viele Möglichkeiten bietet und vor Herausforderungen stellt. Ich glaube, wenns passt, dann passts einfach – auch hier. Trotzdem verstehe ich alle, die sich nicht festlegen können, oder wollen. Geht raus, flirtet, greift zu Tinder, geniesst Berlin!"

Malte, PR-Manager, Single

"Der Nachschub an Frischfleisch ist unerschöpflich"

 

"Meine letzte Beziehung sollte man eher "Semi-Beziehung" nennen. Das war die klassische zwei-, dreimonatige Liaison. Wir wollten erstmal schauen wo das hinführt, bevor wir der Sache ein Label geben. Irgendwann wollte ich mehr, er aber lieber jung, wild und frei sein. Sowas passiert wahrscheinlich überall mal, in Berlin aber ständig. Hier ist so viel Durchlauf: Touristen, Leute die nur ein, vielleicht zwei Jahre hierbleiben – der Nachschub an Frischfleisch ist quasi unerschöpflich. Dasselbe gilt für die Partymöglichkeiten. Das hedonistische Leben – Drogen, Sex, Partys – wird in Berlin einfach wahnsinnig exzessiv gelebt. Man will Spass und sich vor allem die nächste, vielleicht bessere Partie nicht entgehen lassen. Alle suchen nach der utopischen Perfektion, jeder hat das dumme Gefühl, immer noch glücklicher sein zu müssen. Was man degegen tun kann hab ich noch nicht herausgefunden – die radikale Lösung wäre wegziehen. Vielleicht mach ich das auch bald. In fünf Jahren hätte ich am liebsten einen Partner, einen Hund und ein Kind. Ob das dann monogam, offen oder sogar polyamor ablaufen würde, weiss ich aber noch nicht."

Riccardo, 32, DJ/Barista, in einer Beziehung

"Ich bin froh, dass sich mir dieses Problem gar nicht stellt"

 

"Berlin hat mich und meine Freundin eher näher zusammengebracht, als auseinander. Verliebt haben wir uns vor fünf Jahren in meiner Heimat Italien, dort hatten wir Freunde und Familie. Dann wurde es wirtschaftlich schwierig und die Jobs waren rar, also kamen wir zusammen her und hatten auf einmal nur noch uns, mussten uns also noch viel mehr gegenseitig unterstützen als vorher. Ich habe aber viele Freunde, die das mit den Beziehungen hier nicht so leicht finden. Und ich verstehs auch: Wenn ich allein nach Berlin gekommen wär, wär ich auch auf Spass aus. Berlin kann dir alles geben. Die Leute sind locker, es wimmelt von Abenteuern. Man schläft mit der, man schläft mit der, da fällt es vielleicht schwer, irgendwann bei jemandem anzukommen und aus einer Bekanntschaft etwas Stabiles zu machen. Wir haben das zum Glück schon vor Berlin geschafft. Ich bin ganz froh, dass sich mir dieses Problem nicht stellt."

Ein Sommer in Berlin

Karin Zweidler ist 25 und schreibt regelmässig als freie Autorin für Friday und andere deutschsprachige Medien. Mit Techno kann sie gar nichts anfangen, Berlin liebt sie trotzdem. Das hat sie gemerkt, als sie vor drei Jahren kurz dort gelebt hat. Weil die Sehnsucht gross ist, verbringt sie diesen Sommer wieder in Berlin – und bloggt bei uns über das Grossstadtleben.

 
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