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Ist man in Berlin wirklich nie allein?

Friday-Gastbloggerin Karin Zweidler hat sich gefragt, ob es in Berlin wirklich so viel einfacher ist, Leute kennenzulernen, als in der Schweiz – und ist mal allein losgezogen.

Ist man in Berlin wirklich nie allein?
09 Jun '16
zurück +30 -9
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Meine erste Berliner Freundin hab ich damals im Büro gefunden. Der Klassiker: Erster Arbeitstag, erste Kaffeepause und dann irgendwann die Frage, was für Musik ich denn so höre. Ihr Vorschlag mal zusammen feiern zu gehen, weil auch sie mit Vorliebe zu Hip-Hop tanze, fand ich nett und nicht weiter verwunderlich. Dass sie mich direkt zwei Tage später tatsächlich zu Drinks bei sich zu Hause einlud, um später mit ihren Freundinnen loszuziehen, weil "wir das ja so ausgemacht haben", dann aber umso mehr. Ist das schon ein Kulturschock?

Neue Freunde? Ich hab doch schon so viele

Es ist ja nicht so, dass wir nicht nett wären in der Schweiz. "Klar, lass uns mal zusammen losziehen!" oder "Wir müssen uns unbedingt bald zum Kaffee treffen", hat wohl schon jeder zu neuen Bekannten gesagt und im besten Fall sogar so gemeint. Nur wirklich durchziehen tut mans selten. Auch ich nicht. Neue Freunde? Ich hab doch schon so viele. Vielleicht passt der oder die Neue ja auch gar nicht zu meinen anderen Leuten. Und: Ob die andere Person da überhaupt Lust hat drauf? Es gibt diverse Argumente, die einem einen Strich durch die Offenheit machen, die man sich so gern auf die Flagge schreiben würde.

Ganz anders in Berlin. Zwischen meiner Arbeitskollegin und mir ist die Sache seit besagtem Abend geregelt: Wir sind jetzt Freundinnen, klare Sache. Ihre Clique hat sie mir gleich mit dazu geschenkt. "Warum auch nicht?", sagt sie heute, völlig verdutzt darüber, dass das bei uns anders läuft. War das jetzt ein Glücksgriff? Oder ist es wirklich so viel einfacher, hier Leute kennenzulernen? Ich wills wissen und tue was ich zu Hause viel zu selten mache: Allein losziehen - abends. Berlin, zeig mir, was du kannst!

Und bäm, schon ein Glas Wein in der Hand

Jetzt laufe ich also die Weserstrasse in Neukölln entlang, grösser wird die Bar- und Menschenauswahl kaum mehr. Und bäm: Kaum in die Strasse gebogen, wird mir ein bis zum Rand gefülltes Weinglas vor die Nase gehalten: "Umsonst für dich!" - ein motivierter Kellner. Normalerweise gar nicht mein Fall. Aber heute? Nehm ich. Statt, dass er mir das Glas an einen eigenen Tisch stellt, finde ich mich zwischen all den Mitarbeitern wieder, die schon Feierabend haben und werde wie selbstverständlich sofort über Arbeit, Abendpläne, Gott und die Welt ausgefragt.

Während wir in der Schweiz den ganzen Tag misstrauisch darüber nachdenken (Die will doch irgendwas von mir!!!), wenn uns die fremde Kiosk-Frau fragt, wie es uns heute geht, oder wir uns im Zugabteil nach vier höflich ausgetauschten Smalltalk-Sätzen mit dem Nachbarn dabei erwischen, wie wir "ist gut jetzt" denken, fühle ich mich hier schon ein erstes Mal darin bestätigt, dass Berliner das irgendwie lockerer sehen. Es geht nämlich gar nicht nur um Freundschaften. Ein Schwätzchen in der S-Bahn, eins im Café oder eben im indischen Restaurant - ist doch schön.

Szene-Bar bleibt Szene-Bar – aber ich bleibe

Mir geht das hier alles fast ein bisschen zu leicht vonstatten mit meinem Projekt. Also weiter. Ich such mir diesmal eine Szene-Kneipe aus: Coole Musik, abgeblätterte Tapeten, hübsche Skaterjungs. Ein Show-Off-Ort und definitiv keiner, an dem man in Zürich einfach so neue Leute kennenlernen würde. Die Rose, die mir ein Inder vom Restaurant geschenkt haben, lasse ich aus Coolness-Gründen draussen, das Handy in der Hand tausche ich gegen einen Moscow Mule – und warte. Nach einer Stunde hab ich mein Leben überdacht und der Drink ist leer. Aber neue Freunde habe ich keine. War wohl doch nichts - Szene-Bar bleibt Szene-Bar.

Und dann passierts. Glück gehabt, Berlin: Der tattowierte Coolkid-Barkeeper hat dich rausgerissen! Beim Bezahlen fragt er mich, ob ich mir ein Lied wünschen will. Ich will. Und ich bleibe. Ob ich nach Feierabend mit ihm und seinen Freunden weiterziehen möchte, fragt er mich dann, nachdem er mich zwei Stunden bestens unterhalten hat. Ich überlege. Allein in Berlin? Ist man irgendwie wirklich nie. Das weiss ich jetzt auf sicher. Und kann nach Hause.

Ein Sommer in Berlin

Karin Zweidler ist 25 und schreibt regelmässig als freie Autorin für Friday und andere deutschsprachige Medien. Mit Techno kann sie gar nichts anfangen, Berlin liebt sie trotzdem. Das hat sie gemerkt, als sie vor drei Jahren kurz dort gelebt hat. Weil die Sehnsucht gross ist, verbringt sie diesen Sommer wieder in Berlin – und bloggt bei uns über das Grossstadtleben.

 
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