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Plötzlich Bammel in Berlin

Friday-Autorin Karin Zweidler bloggt hier ab jetzt von ihrem neuen Grossstadtleben. Und hat gemerkt: Ankommen ist auch im Berliner Sommer nicht nur einfach.

Plötzlich Bammel in Berlin
Bild: Karin Zweidler Hoch die Mate, hier ist Sommer!
02 Jun '16
zurück +29 -16
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Berlin, ich bin wieder da! Drei Jahre ist es her, seit ich während eines Praktikums in einer PR-Agentur für ein paar kurze Monate hierher gezogen bin. Sie haben gereicht, um mich so richtig in die Stadt zu verlieben. Ich habe hier geklaute Portemonnaies zurückgeklaut, türkischen Small-Talk gelernt, mit GZSZ-Sternchen Kaffee-, mit Ochsenknechts Cüpli-Plausch gemacht - und echte Freunde gefunden (nicht die Ochsenknechts). Losgelassen hat mich der Berlin-Crush nie und ich wusste: Irgendwann komme ich wieder – und zwar für länger.

Fast wie Heimkommen

Jetzt liegt ein ganzer Berlin-Sommer vor mir. In der Schweiz arbeite ich derzeit als Freelance-Autorin, schreibe also Texte auf Auftrag. Und das kann ich überall machen. Also für immer nach Berlin ziehen? Dafür liegt mir Zürich zu sehr am Herzen. Für einen Sommer nach Berlin ziehen? Sofort. Ohne viel zu überlegen, habe ich mir eine Wohnung gesucht, Koffer gepackt, Zürich Tschüss gesagt und war, obwohl ich ein Heimweh-Mädchen bin, nicht mal nervös aufs Abenteuer. Ich kenn ja alles und alle. Ist eigentlich fast wie Heimkommen. Sommer, günstige Haarschnitte, Freiheit.

 

"Save Changes" sagt Facebook. Mach ich!

Facebook-Status: Moved to Berlin

Und dann war ich auf einmal wirklich da. Absolvierte tapfer den "Ah du auch Freelancer"-"ja genau, aus der Schweiz"-Smalltalk mit meinem neuen, wirklich netten, australischen Mitbewohner und zog die Zimmertür hinter mir zu. Mein erster Berlin-Moment für mich allein. In meiner Vorstellung war der immer wahnsinnig gut. In echt sass ich in meinem neuen, wunderschönen Neukölln-Zimmer und war mir auf einmal nicht mehr so sicher mit der ganzen Sache. Ähm, gehts noch, Karin?

Was mache ich hier eigentlich? Als ob die Stadt auf mich gewartet hätte. Ich weiss noch nicht mal, was ich am Dienstag Abend mache und "Riss di zäme", schossen mir abwechselnd durch den Kopf. Im fremden Zimmer in der fremden Wohnung und im mir noch fremden Schiller-Kiez fühlte ich mich plötzlich einsam. Die Tatsache, dass ich später verabredet war und auf dem Handy immer wieder Nachrichten aufblinkten, wie sehr sich hier alle auf mich freuten, half rein gar nichts: Von Grossstadt-Karin war auf einmal nicht mehr viel übrig.

 

Meinen Zürcher Arbeitsplatz hab ich eingetauscht - von jetzt an schreibe ich hier.

Der Alltag muss mich noch kriegen

Draussen sind dreissig Grad und meine Freunde holen mich in ihrem uralten Volvo ab. Niemand hätte gedacht, dass der noch 180 Sachen fährt. Auf der Autobahn in Richtung Bernsteinsee (ein Geheimtipp, sagen meine Freunde) habe ich Zeit, die Sache mit etwas Distanz zu betrachten. Und während meine Freunde laut schlechte Radiolieder mitsingen, atme ich trotz Tempo durch.

Ich habe hier Freunde. Ich habe wunderbare Erinnerungen und immer einen Plan, wann wo welche gute Party steigt. Aber ich habe keinen Alltag mehr. Ich muss mich erst wieder daran gewöhnen, dass nicht jeden Tag Städte-Trip-High-Life, sondern auch in Berlin mal ein Wohnungsputz oder Serien-Abend allein auf dem Sofa völlig okay sind. Ich muss nicht mehr jede Minute ausnutzen, ich habe Zeit. Ich muss ankommen und ich muss der Stadt die Chance geben, mit mir zusammen neue Erinnerungen zu kreieren. Darauf freue ich mich. Und wie!

Und das war sonst so:

  • Drei entspannte See-Gesichter.

  • Ich war schon an vielen Partys. An einem Geburtstag inklusive Doorman mit eigener Klingel aber dann doch noch nie.

  • Die Nike-Uschi war ich zwar in diesem Falle für einmal nicht, ein bisschen schön war das im Secondhand-Shop trotzdem.

  • Die hier ist 21, kommt aus Berlin und hat nicht nur "Bitch better have my money" für Riri geschrieben und hängt mit Kanye rum,...

  • ...sondern kommt auch selber bald gross raus: Bibi Bourelly feierte EP-Release im Prince Charles.

  • Ein weiterer Grund, die Stadt zu lieben: Das Leben findet draussen statt. Auswärts essen ist so günstig, dass selber Kochen eigentlich keinen Sinn macht. Muss man mir nicht zweimal sagen.

  • Mittlerweile mag ich Neukölln richtig gern. Das kann nämlich nicht nur abgeranzt und laut, sondern auch grün, charismatisch...

     

  • ...und süss.

  • Street-Food wird hier natürlich längst zelebriert: Am Streetfood-Thursday in der Markthalle 9 gibts jede Woche Yummie-Sachen. Bei mir: Onigiri.

  • Heiteres Rapper-Raten: Der Musiksender Vevo lud zum Rap-Stadt-Land-Fluss. Für die Gewinner gabs Medaillen, für alle anderen Pfeffi.

  • Und am Ende: War eben dann doch alles gut.

  1. Slide 1

Ein Sommer in Berlin

Karin Zweidler ist 25 und schreibt regelmässig als freie Autorin für Friday und andere deutschsprachige Medien. Mit Techno kann sie gar nichts anfangen, Berlin liebt sie trotzdem. Das hat sie gemerkt, als sie vor drei Jahren kurz dort gelebt hat. Weil die Sehnsucht gross ist, verbringt sie diesen Sommer wieder in Berlin – und bloggt bei uns über das Grossstadtleben.

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