"Mein Körper macht mir ständig Arbeit"

US-Autorin Alexandra Kleeman nimmt in ihrem Debüt-Roman "A wie B und C" unseren Perfektionismus auseinander – indem sie sich selbst reflektiert.

Von: Melanie Biedermann

Bild: Arturo Olmos Sie fühlt sich verletzlich und künstlich: Alexandra Kleeman, 30.
08 Apr '16
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Alexandra, wie bist du zu deinem Roman gekommen? Ich war frustriert. Ich habe schon vorher geschrieben, aber meine Geschichten waren sehr verträumt. Sie reflektierten nicht, womit ich mich täglich beschäftige.

Was hat dir konkret gefehlt? Ich wollte, dass in der Geschichte rüberkommt, wie verletzlich und gleichzeitig künstlich ich mich in der modernen Welt manchmal fühle.

Wann zum Beispiel? Wenn ich fernsehe, beim Shoppen oder wenn ich mich morgens schminke. Es ist, als ob es mein Gesicht in zwei Versionen gäbe – mit und ohne Make-up. Beide fühlen sich fremd an.

Wie stehst du zu Social Media? Es ist unheimlich, wie wir heute online immer verfügbar sind. Wir sind zwar nie wirklich greifbar, aber wir vervielfachen uns ständig. Ein Bild von dir kann um die Welt gehen. Du löst dich als Person quasi auf – das kann einen schon durcheinanderbringen.

Die Vernetzung hat aber auch gute Seiten, nicht? Klar, du kannst Dinge beeinflussen, wenn du möchtest. Es ist eine grossartige Zeit für Autorinnen und Denkerinnen. Bücher, die früher nicht unbedingt zu den grossen literarischen Kalibern gezählt hätten, erreichen heute Leute, von denen sie dafür geschätzt werden, was sie sind.

 

Alexandra im Gym. Ein Lieblingsort aller Körperoptimierer – ihrem Outfit nach macht sie selbst heute nicht mit.

Bild: Instagram alexandrakleeman

Deine Hauptfigur A plagt im Buch auch ständig der Hunger. Wofür steht er? Fürs Leben. Dieses Verlangen ist so direkt, und wir erleben es jeden Tag. Für mich gibts kein essenziel­leres und nahvollzieh­bareres Gefühl.

Ein sehr körperliches Gefühl. Ja, ein Grundbedürfnis. Deswegen ist es so absurd, wie viel die Food-Industrie dafür tut, um den Hunger zu untergraben.

Worauf spielst du an? Wir haben heute etwa Lebensmittel, die extra viel Ballaststoffe enthalten, sodass du dich voll fühlst, aber weniger Kalorien zu dir nimmst. Dein Körper ist zwar befriedigt, aber nur teilweise – du trickst ihn aus. Wir tricksen überhaupt sehr oft, was unseren Körper angeht – als ob wir mit ihm auf Kriegsfuss wären.

Meinst du mit "wir", wir Frauen? Ja. Ich denke, wir werden da anders erzogen.

In welcher Hinsicht? Die meisten Männer, die ich kenne, reagieren sofort, wenn sie Hunger spüren. Viele Frauen in meinem Umfeld und auch ich selbst glauben, dass von uns erwartet wird, ihn von uns fernzuhalten. Wir denken an das Danach, was dann passiert, wer wir sein wollen, was gut ist, was schlecht. Diesen Impuls, erst mal innezuhalten und abzuwägen statt zu reagieren, ist in jedem Moment meines Lebens präsent.

Was denkst du, woher das kommt? Es ist wahnsinnig schwierig herauszufinden, was du wirklich brauchst und willst – unabhängig davon, was andere sagen. Zudem können wir mitentscheiden, wie unsere Körper aussehen. Je nach dem, wie viel du investieren möchtest, ist alles möglich.

Das klingt wahnsinnig anstrengend. Ja, mein Körper macht mir konstant Arbeit. Es fällt mir schwer, eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Ich glaube, ständig darüber nachzudenken, wie du aussehen könntest, ist ungesund. Und auch gefährlich.

 

Kandy Kakes stehen in Alexandras Buch im Zentrum eines Ess-Kults. Einen Snack mit dem Namen gibts wirklich, den Kult hoffentlich nicht.

Bild: Instagram alexandrakleeman

A schliesst sich in deiner Geschichte einem Kult an, der Kirche der vereinigten Esser, der sich am liebsten von Kandy Kakes ernährt. Ja, der Kult steht für die mächtige Food-Industrie. Wir haben so wenig Einfluss aufs Angebot, da ist es nur natürlich, dass jeder versucht, irgendwo noch Sinn zu finden und ein Stück Kontrolle zu behalten. Radikal Dinge aus seiner Ernährung zu streichen, ist eine Möglichkeit. So wird Essen zu einer beinah religiösen oder moralischen Entscheidung.

Du hast schon ein Faible für Abgründiges, oder? Meine Eltern sind beide Professoren für Asia Studies. Ich hab oft Bücher meiner Mutter aus ihrem Büro geholt. Da waren einige sehr furchteinflössende, auch mal verstörende darunter.

Neulich bist du von Brooklyn ins ruhige Staten Island gezogen. Warum? Ich kann hier besser schreiben, es gibt kaum Ablenkung.

Wie wars vorher? Egal in welches Quartier ich gezogen bin, sobald ich ankam, wurde es langsam teuer und hübsch. Es kamen neue Shops, süsse Cafés, und es hat sich immer angefühlt, als ob diese Läden direkt auf mich zugeschnitten waren.

Klingt fast etwas paranoid. Ich glaube, wer paranoid ist, ist einfach sehr sensibel – ein bisschen fehlkalibriert.

Und wie bist du? Viele, die das Buch gelesen haben und mich dann kennen lernen, sind überrascht, dass ich fröhlich und freundlich bin.

A wohnt mit B, hängt aber lieber bei ihrem Freund C, um Haifisch-Dokus und Pornos zu schauen. So richtig trauen kann sie beiden nicht – dafür bald dem Kult um einen Snack namens Kandy Kake. Die irre Geschichte ist teilweise schwer zu verdauen, überrascht aber immer wieder mit Humor.

"A wie B und C" gibts für Fr. 26.50 bei Kein und Aber.

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