Die neuen Schweizer Literatur-Girls

Michelle Steinbeck, Noëmi Lerch und Anna Stern haben mit uns über Buchtitel, Nervosität und Komplimente gesprochen.

Von: Melanie Biedermann

Die neuen Schweizer Literatur-Girls
Bild: Affolter/Savolainen Michelle Steinbeck hat mit "Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch" ein fabelhaftes erstes Buch veröffentlicht. Mehr dazu im Interview.
29 Mär '16
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Zwei von ihnen haben vor Kurzem ihre Roman-Debüts veröffentlicht, die Dritte legt bereits ihr zweites Buch nach. Worüber sie schreiben, was sie beschäftigt und noch viel mehr haben uns Noëmi, Michelle und Anna im Fragebogen-Interview verraten:

Noëmi Lerch, 28

Die Aargauerin lebt in einem kleinen Dorf in Graubünden und arbeitet im Sommer im Tessin auf einer Alp.

Bild: Ruben Hollinger

Noëmi, warum schreibst du Bücher? Weil mir etwas unter den Nägeln brennt.

Was bedeutet es, in deiner Generation Autorin zu sein? Es bedeutet, vieles gleichzeitig zu sein. Und sich gerade dagegen zu sträuben. Viel zu lesen. Wenig zu schreiben. Langsam zu sein. Oft nicht Autorin zu sein.

Wie ist dein Buch zu seinem Titel gekommen? "Die Pürin" ist die Hauptfigur, das Scharnier der Geschichte. Ihr Beruf wurde ihr Name.

Was macht dich nervös? Hunde, die bellen in der Nacht.

Welches Buch liegt aktuell auf deinem Nachttisch? "Miló" von Alberto Nessi. Es ist abgrundtief traurig und unerschütterlich schön.

Dein Lieblingsbuch? "Onna Maria Tumera oder die Vorfahren." Es hat meine Sicht aufs Sterben und den Tod verändert.

Welches Gefühl beschreibst du am liebsten? Appetit. Weil ich gern koche.

Wie wichtig ist dir Anerkennung? So wichtig, wie es mir ist, in den richtigen Zug einzusteigen. Steigt man in den falschen Zug ein, ärgert man sich zuerst, aber im Nachhinein war es vielleicht auch wichtig.

Wie beschreibst du das Lebensgefühl deiner Generation? Ich glaube, wir sind wie Schildkröten. Wir sind gut gepanzert. Und wir leben lange.

Welche Themen beschäftigen dich? Die Mutterfiguren meiner Generation beschäftigen mich. Die traditionellen Mutterfiguren, die modernen. Wie sich das beisst. Und warum sich das beisst.

Wieso brauchen wir Bücher? Damit wir wissen, woher wir kommen. Damit wir wissen, wohin wir gehen. Damit wir beweglich und lebendig bleiben.

Welche Geschichte möchtest du mal noch erzählen? Die Geschichte meiner Vorfahren, die mit dem Schiff nach Europa gekommen sind.

Was ist für dich Glück? Nicht über den nächsten Tag hinausdenken zu müssen.

"Die Pürin" ist im Verlag die brotsuppe erschienen. Am 25. Mai liest Noëmi im Literaturhaus Zürich

Michelle Steinbeck, 25

In Lenzburg geboren und in Zürich aufgewachsen. Heute wohnt Michelle in Basel.

Bild: Janick Zebrowski

Warum schreibst du Bücher? Ich habe als Kind viel gelesen und bald gedacht: Das kann ich auch! Offensichtlich brauchte es aber noch einige Jahre Übung und Durchhaltevermögen.

Wie ist dein Buch zu seinem Titel gekommen? Meine Protagonistin Loribeth versucht auch zu schreiben. "Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch" ist der einzige Satz, den sie zu Papier bringt.

Was bedeutet es, in deiner Generation Autorin zu sein? Für mich bedeutet es zum Beispiel kein Smartphone zu haben. Damit ich nicht noch mehr Zeit und mich selber in den Tiefen des Internets verliere und ich draussen die Augen offen behalte.

Was macht dich nervös? Wenn mir im Nachhinein einfällt, was ich besser hätte sagen sollen.

Welches Buch liegt aktuell auf deinem Nachttisch? "An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts" von Roland Schimmelpfennig.

Dein Lieblingsbuch? Ich liebe alles von Daniil Charms. Er hat meine Einstellung zum Schreiben revolutioniert.

Fragst du dich manchmal, warum du genau diesen Job ausgesucht hast? Wenn ich Freitagabend allein am Tisch sitze, etwas schreiben muss, es nicht funktioniert und dann noch die Zweifel aufkommen: Was habe ich eigentlich zu sagen?

Was ist deine Antwort? Meist entschädigt das Gefühl danach. Ich habe etwas geschaffen, was vorher nicht da war – das ist manchmal wie ein kleines Wunder.

Welches Gefühl beschreibst du am liebsten? Eine gewisse Ungelenkheit in der Kommunikation: Holprige Gespräche, Missverständnisse, aneinander vorbeireden... Darin steckt oft viel Komisches.

Wann bist du zufrieden mit deiner Arbeit? Manchmal juble ich abends über einen Geniestreich und kann darüber am nächsten Morgen nur noch verächtlich schnauben. Meist muss ich beides relativieren.

Wie beschreibst du das Lebensgefühl deiner Generation? Wir haben scheinbar alle Möglichkeiten und ein schlechtes Gewissen, nicht mehr damit anzufangen?

Wieso brauchen wir Bücher? Bücher konservieren Welten. Gute Bücher lassen uns neu und anders denken, fühlen, nachvollziehen – sie können uns alles beibringen.

"Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch" ist im Lenos-Verlag erschienen. Michelle liest gerade in der ganzen Schweiz daraus, etwa morgen, 30. März im Zürcher Kaufleuten, am 8. April im Kosmos in Basel und am 12. April in der Hauptpost St. Gallen.

Anna Stern, 25

Anna Stern heisst eigentlich Anna Bischofberger und kommt aus Rorschach.

Bild: zvg

Anna, warum schreibst du Bücher? Ich bin kein besonders mutiger Mensch. Das Geschichtenerzählen gibt mir die Möglichkeit, all die Abenteuer zu erleben, die ich mir sonst nicht zutraue.

Wie ist dein Buch zu seinem Titel gekommen? "Der Gutachter" ist der grosse Abwesende. In seiner Person verbinden sich die Erzählstränge der anderen Figuren, er ist sozusagen das Schwarze Loch in ihrer Mitte, der Punkt, in dem sich alles konzentriert.

Was macht dich nervös? Menschenmassen. Laute Geräusche und Musik. Grelle Farben. Schiessstände. Unvorhersehbarkeit. Langsamkeit und Intoleranz.

Welches Buch liegt aktuell auf deinem Nachttisch? "The Secret History" von Donna Tartt und "The Reflection" von Hugo Wilcken. Beide Bücher warten darauf, gelesen zu werden. Und die Ausgabe des Magazins "Du" über David Bowie – eine berührende Hommage an einen Jahrhundertkünstler.

Dein Lieblingsbuch? Alle Romane von John Irving, insbesondere "Widow for One Year" und "The World According to Garp." Er schafft es, mich in seine Welten und Geschichten hineinzuziehen und alles um mich herum vergessen zu lassen. Seine Romane fordern Toleranz gegenüber Andersartigkeit.

Das schönste Kompliment, das du bekommen hast? Tränen in den Augen der Besucher einer Lesung.

Das Fieseste? Du schreibst schon ganz gut, dafür dass du so jung bist, doch so gut wie XY wirst du trotzdem nie werden.

Welches Gefühl beschreibst du am liebsten? Verlust und Sehnsucht. Weil ich über etwas schreibe, was nicht da ist. Im Verlauf des Textes versuche ich mit dieser Abwesenheit umzugehen und herauszufinden, wie diese sich ersetzen, ausfüllen oder überwinden lässt.

Wann bist du zufrieden mit deiner Arbeit? Wenn es mir gelingt, mit einem Text im Leser Emotionen auszulösen, sei es Freude oder Rührung, Trauer, Empörung oder Nachdenklichkeit.

Welche Themen beschäftigen dich zurzeit? David Bowie, britisches Umweltrecht, Infektionskrankheiten, glückliche und unglückliche Familien; und Vögel, immer wieder Vögel.

Wieso brauchen wir Bücher? Um abzuschalten und anzuregen. Um einzuschlafen und wach zu bleiben. Um mitzuteilen und einzusehen. Um aufzurütteln und abzulenken.

Welche Geschichte möchtest du mal noch erzählen? Die vom Elefant von Murten vielleicht. Ich habe es einmal versprochen.

"Der Gutachter" ist im Salis-Verleg erschienen. Morgen, 30. März, feiert Annas zweiter Roman Vernissage im Treppenhaus Rorschach, am 5. April bei Salis in Zürich und am 18. Juni liest sie nochmal zum StadtLesen in St. Gallen

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