"Beziehungen scheitern am Ego"

Autor Michael Nast stellt in seinem Buch "Generation Beziehungsunfähig" die These auf, dass wir uns nicht mehr auf die Liebe einlassen können.

Von: Marie Hettich

Bild: Lukas Gansterer Michael Nast, 40, ist gelernter Grafikdesigner – eine grosse Fangemeinde hat er sich aber mit Texten zur Befindlichkeit seiner Generation aufgebaut. Er lebt und arbeitet in Berlin als freier Kolumnist, Buch und Drehbuchautor.
19 Feb '16
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Michael, bist du gerade in einer Beziehung?
Nein, ich bin seit einem Jahr Single.

Hättest du gern wieder eine Freundin?
Ja, sehr gern sogar. Vor kurzem hatte ich ein Date, dachte mir aber währenddessen: Was mache ich hier eigentlich? Ich hätte jetzt, wo es mit meiner Lesetour losgeht, gar keine Zeit für eine Beziehung.

Woran ists mit deiner letzten Partnerin gescheitert?
An meinem Ego, denke ich. Wie die meisten habe ich mir eine harmonische Beziehung gewünscht, die mir Kraft gibt anstatt raubt. Aber schlussendlich war vor allem wichtig, dass ich es harmonisch habe und mir Kraft gegeben wird.

Klingt nach der "narzisstischen Liebe", die du in deinem aktuellen Buch beschreibst.
Ja, total. Ich beobachte generell, dass wir in Beziehungen nicht mehr sagen "Wir sind ein Team und gehen durch dick und dünn", sondern "Ich bin zwar in einer Beziehung, aber ich will bitte keinen Stress und auf keinen Fall von meinem eigenen Weg abgelenkt werden". Wir sind zu Einzelkämpfern geworden.

Woran liegt das deiner Meinung nach?
Wir leben in einer Gesellschaft, deren Wirtschaftssystem nur auf Wachstum aufgebaut ist, also immer mehr will, sich nie zufriedengibt. Dem können wir uns nicht entziehen.

Und welchen Einfluss hat das nun auf unser Privatleben?
Einen grossen, denn wir haben das Profitstreben und den Optimierungswahn des Kapitalismus übernommen und auf unsere Beziehungen übertragen.

Das hört sich gar nicht gut an.
Ja, es ist schon brutal. Sobald Probleme in einer Beziehung auftauchen, denken wir: Moment, es gibt ganz sicher auf dieser Welt Menschen, die besser zu mir passen. Ich ziehe mal weiter. Wir sind überhaupt nicht mehr dazu bereit, verletzt zu werden, auch mal zu leiden – dabei gehört das zu jeder Beziehung nun mal dazu.

Was hat das zur Folge?
Viele rennen mit einer Maske durchs Leben, sind nur noch Fassade, weil sie niemandem ihre Schwächen zeigen. Letztendlich ist nur die Liebe der Ausweg, diese Maske aufzubrechen – denn wenn man Single ist, wird einem ja im Normalfall nie ein Spiegel vorgehalten.

Das heisst, eine Beziehung kann uns retten?
Quasi, ja! Ich bin durch meine letzte Beziehung ein besserer Mensch geworden. Aber man muss diese Nähe eben zulassen können, und das ist auf Dauer schwierig, denn wir sind halt alle ein bisschen kaputt.

 

"Viele verknallen sich in eine Illusion."

Bild: Lukas Gansterer

Du sprichst die ganze Zeit von einem "Wir" – wen meinst du damit überhaupt?
Jeden, der sich davon angesprochen fühlt. Ich hätte niemals gedacht, dass sich so viele in meinen Worten wiederfinden. Mittlerweile weiss ich, dass es Menschen zwischen 17 und etwa 45 sind.

Als dein Text "Generation Beziehungsunfähig" vergangenes Jahr auf dem Blog der Singleplattform "Im Gegenteil" online ging, ist fast der Server zusammengebrochen.
Ja, das hat mich richtig erschreckt. Ich habe erwartet, dass der Artikel nur Leute anspricht, die wie ich in Berlin leben und in den Medien arbeiten. Aber mir haben auch viele Leute aus kleinen Dörfern geschrieben.

Wie erklärst du dir, dass deine Texte so gut ankommen?
Meine Ehrlichkeit ist immer ziemlich kompromisslos – auch mir selbst gegenüber. Damit identifizieren sich die Leute.

Gibts auch negatives Feedback?
Ja, klar. Das ist dann meistens sehr emotional, manchmal sogar beleidigend.

Inwiefern?
Ach, die schreiben dann, ich sei eine traurige Figur und so weiter. Manche fühlen sich offenbar von meinen Texten angegriffen – so, als würde ich ihnen etwas sagen, das sie gar nicht hören möchten.

Musst du dich oft rechtfertigen, warum ausgerechnet du, ein Grafiker, schreibst, wie wir angeblich ticken?
Nein. Ich habe ja gar nicht den Anspruch, die Welt zu erklären oder wie ein Soziologe eine Generation zu definieren. Ich schreibe aus der Generation heraus – und die Leute fangen aus eigenem Antrieb an, sich selbst zu reflektieren.

Ist das dein Ziel?
In erster Linie möchte ich, dass sich andere in meinen Texten wiederfinden. Wenn sie ihnen sogar den Impuls geben, etwas zu verändern, ist das umso schöner. Ganz schlimm finde ich diese Ratgeberbücher, die sagen, wie man zu leben hat. Vor allem aus meinem Mund wäre das total vermessen.

Eine Zeitung hat dich als männliche Carrie Bradshaw aus "Sex and the City" bezeichnet. Kompliment oder Beleidigung? Ich schreibe über Zwischenmenschliches, das ich bei mir und meinem Umfeld beobachte – das erinnert schon sehr an Carrie. Ob es ein Kompliment ist, kann ich nicht sagen, dafür kenne ich die Serie zu wenig.

Michael Nast – die männliche Carrie Bradshaw?

Bild: Lukas Gansterer

In deinem Buch erzählst du zum Beispiel von einem Philipp, der über Tinder innerhalb ein paar Monaten mit 127 Frauen geschlafen hat. Sind all die Namen, die du nennst, echt?
Es gibt nur einen Namen, der stimmt. Das ist ein Kumpel von mir, der das okay fand. Alle anderen wurden ausgetauscht. Witzigerweise war aber gerade dieser Philipp in Berlin an einer Lesung von mir, und ich habe allen erzählt, dass er da ist – natürlich ohne ihn zu outen. Er hat sich trotzdem die ganze Zeit beobachtet gefühlt (lacht).

Stichwort Tinder: Glaubst du, dass Dating-Apps bald wieder ihren Reiz verlieren werden?
Nein, diese Apps sind ja wertvolle Werkzeuge – wir wissen nur noch nicht recht, wie sie zu benutzen sind.

Wie meinst du das?
Alles ist noch so neu und aufregend, wir sind wie in einem Rausch. Ich hoffe, dass wir bald massvoller und differenzierter mit Social Media umgehen. Zum Beispiel sieht, wer auf einem Foto gut aussieht, noch lange nicht wirklich gut aus. Da habe ich schon schlimme Erfahrungen gemacht.

Ausserdem gibts ja noch mehr, das beim Sichverlieben eine Rolle spielt.
Absolut. Viele chatten wochenlang, verknallen sich in eine Illusion – und sind dann enttäuscht, wenn sie die Person treffen. Ich habe bei mir festgestellt, dass ich ohnehin immer weniger aufs Aussehen achte. Das kann die hübscheste Frau sein, wenn aber nur Blödsinn aus ihrem Mund kommt, ist das total unerotisch.

Michael Nast erzählt in seinem dritten Buch unterhaltsame Geschichten von sich und seinem Berliner Umfeld – und schliesst gesellschaftskritisch vom Kleinen aufs Grosse. Die Themenschwerpunkte: Liebe, Beruf, Altwerden und Selbstoptimierung.

“Generation Beziehungsunfähig”, Edel-Verlag, Fr. 21.90

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