Wir sozialen Minimalisten

Beziehungen aufs Nötigste zu beschränken, bedeutet Freiheit – finden die einen. Unsere Text-Praktikantin Angelika Imhof fragt sich: Wie bequem sind wir eigentlich geworden?

Wir sozialen Minimalisten
Bild: Plainpicture Um ein allzu stressiges Sozialleben zu vermeiden, reduzieren wir es einfach.
15 Feb '16
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Wir lassen Nachrichten lange unbeantwortet, an WG-Partys haben wir keinen Bock, uns auf unbefangenen Small Talk einzulassen und die kriselnde Beziehung lösen wir auf, ohne lange zu zögern.

Sieht ganz so aus, als habe der Trend zum Minimalismus unser Sozialleben erreicht. Es geht nicht mehr nur darum, den Konsumüberfluss abzulehnen, indem man sich bei materiellen Dingen einschränkt – dagegen wäre ja eigentlich nichts einzuwenden. Nein, mittlerweile wollen wir auch den sozialen Ballast möglichst bequem loswerden. Dabei gelingt es uns auch noch, unser Verhalten als cool und als Ausdruck von Freiheitsliebe zu verkaufen: "Ich möchte mich gerade nicht von jemandem abhängig machen" klingt doch ganz gut. Aber ich frage mich, ob sich hinter diesem Trend zum sozialen Minimalismus insgeheim nicht einfach ein Hang zum Egoismus und zur Bequemlichkeit verbirgt. 

Sind wir uns zu gut für Small Talk?

Denn irgendwie ist es doch nicht fair, wenn wir eine Nachricht erst dann beantworten, wenn es uns gerade in den Kram passt und wir eine Person bis dahin unnötig lang warten lassen. Klar, seit es Gruppenchats gibt, ist es manchmal schwierig, nicht in der Kommunikationsflut zu ertrinken. Aber oftmals sind wir doch einfach nur zu faul, um sofort zurückzuschreiben.

Was die ablehnende Haltung gegenüber dem Small Talk betrifft, die in meinem Bekanntenkreis schon Standard ist: Ich glaube, wir verbauen uns da was. Ich bin sicher auch kein grosser Fan von verbalen Belanglosigkeiten, aber manchmal braucht es halt einfach leichtes Geplänkel am Anfang, damit danach Tiefgründigeres entstehen kann. Was ist die Alternative? Verkrampftes Schweigen, weil wir uns zu gut sind für einen unbefangenen Small Talk? 

Der Lohn: Echte Gefühle

Aber vor allem in unseren Liebesbeziehungen zeigt sich der soziale Minimalismus von seiner fragwürdigsten Seite. Sobald es nicht mehr so geschmiert läuft, überlegen wir gleich, die Bindung aufzulösen. Oder andersherum: Wir gehen schon gar keine Bindung mehr ein, weil wir uns nicht die Mühe machen wollen, sie vielleicht irgendwann wieder unter emotionalem Aufwand auflösen zu müssen. Kuppel-Apps, dank denen wir jederzeit jemand Neues daten und darauf spekulieren können, dass diese Person noch viel besser zu uns passt als die letzte, sind eine Erklärung. 

Aber sind wir nicht auch einfach bequem geworden? Schon die Aussicht auf ein bisschen "Arbeit" an der Beziehung löst bei vielen Panik aus. Dabei würde es sich lohnen, auch mal zu investieren, anstatt ewig im Non-Committment-Pool herumzudümpeln. Es ist bestimmt manchmal ungemütlich und anstrengend. Aber der Lohn dafür ist auch nicht schlecht: Echte Gefühle. 

Ich finde, wir sollten uns ernsthaft fragen, wann wir soziale Abhängigkeiten und Verpflichtungen reduzieren, weil sie uns belasten – und wann wir einfach nur den Weg des geringsten Widerstands gehen wollen.

Bist du auch ein sozialer Minimalist?

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