Ein Wochenende, 400 minuten online

Foodporn, Hashtags und Hamster-Videos: Text-Praktikantin Gina Buhl hat ihr Social-Media-Verhalten von Samstagmorgen bis Sonntagabend akribisch dokumentiert.

Ein Wochenende, 400 minuten online
Bild: zvg Seit zwei Monaten ist Textpraktikantin Gina Buhl, 25, nun bei Friday und hat sich bereits als echte Social-Media-Expertin erwiesen.
06 Nov '15
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Samstag

9:18 Inszeniertes Zmorge

Ich wache auf und greife zum Handy. Auf Instagram lächeln mir die perfekt inszenierten Acai-Bowls, Porridges und Detox-Smoothies entgegen – denn meine Insta-Freundesliste besteht zu 90 Prozent aus veganen Foodbloggern und Fitnessgurus – zu Motivationszwecken.

9:25 Mails vor Müesli

Mein Magen knurrt – aber ich checke noch Facebook und beantworte zwei Mails, bevor ich mir mein Müesli zubereite.

9:38 Event weit weg

Bin dank Facebook nun darüber informiert, dass heute fünf Leute an einem Event in meiner Nähe teilnehmen – aber immer noch hungrig. Frage mich, wie dehnbar der Begriff Nähe ist, denn die Events finden alle in Berlin statt
(843 km von Zürich entfernt).

9:40 Kleine Pause

Frühstück. Auch mein Smartphone findet ein Plätzchen neben meiner Kaffeetasse. 14 Minuten liegt es da – unbeachtet. Dann fällt mir ein, dass ich beinah ver­gessen hätte, Snapchat zu checken.

9:54–10:10 Essen muss warten

Dank der neuen Snapchat-Filter schaffe ich es nicht, meinen Kaffee zu trinken, bevor er kalt ist. Auch mein Müesli hat mittlerweile Ähnlichkeit mit einer Betonmischung aus dem Baumarkt. 

Mhmm! Zum Zmorge gibts Foodporn.

Bild: Screenshot Instagram

10:12-10:20 #fitsporation

Samstag ist Tag des Sports in der Social-Media-Welt. Das mache ich an der Tatsache fest, dass mein Instagram-Feed vor #healthy#fitsporation #strongisthenewskinny-Posts förmlich überquillt. Mich beschleicht ein schlechtes Gewissen, und ich beschliesse, später auch joggen zu gehen.

12:00 Handy dabei

Mit Laufschuhen (und Handy) bewaffnet, bin ich bereit für meine Jogging-Runde.

12:07 App gehts!

Nachdem ich sieben Minuten damit verbracht habe, die Standort­einstellungen meiner Nike+-App zurückzusetzen, steht dem Lauf nun nichts mehr im Weg – wäre da nicht noch die Suche nach dem passenden Soundtrack.

12:10-12:15 Lost in Playlists

Es gestaltet sich schwierig, eine Running-Playlist zu finden, die nicht die Wörter Military, Intense oder Shred enthält. So stehe ich fünf Minuten später immer noch in voller Montur im Gang. Schliesslich gebe ich mich mit Flo-Rida und Avicii zufrieden und laufe los.

12:30 Sport-Selfie

Ich denke kurz darüber nach, meine Sport-Session für die Instagram-Gemeinde festzuhalten. Entscheide mich aber dagegen, da ich mich an die schiefen Blicke der entgegenkommenden Senioren beim letzten Sport-Selfie erinnere.

 

Den Filtern von Snapchat ist Gina total verfallen.

Bild: Screenshot Snapchat

14:07-14:09 Kaffeeklatsch

Kurze Standortbesprechung via Whatsapp mit einer Freundin bezüglich des anstehenden Kaffeeklatschs.

17:00 Das Leben der Stars

Meine Freundin erzählt mir von der Fotoapp Vintage Cam. Stars wie Selena Gomez verwenden sie, um kurze Videos mit Vintagefilter zu versehen. Ich installiere sie und stelle nach zehn Minuten fest, dass Videos von Selena beim Surfen mit berühmten Freunden interessanter sind als der Mitschnitt meiner Einkaufstour – ich lösche sie wieder.

21:40 Die Görls warten!

Eigentlich sollte ich auf dem Weg in eine Bar sein. Stattdessen komme ich gerade aus der Dusche. Ich greife zum Handy, um meiner Verabredung meine Verspätung mit­zuteilen, da leuchtet der Bildschirm auf:

 

Bild: Screenshot WhatsApp

Sonntag

9:30-9:50 Ich scrolle nur

Mein Tag startet wie immer mit Instagram und Facebook. Ich liege im Bett und scrolle über den Bildschirm, ohne zu registrieren, was dort eigentlich gezeigt wird. Warum ich mir nicht einfach das Buch schnappe, das griffbereit neben mir auf dem Schreibtisch liegt? Gute Frage.

10:00 Handy & Freunde

Frühstück mit Freunden. (und meinem Handy, das auch einen Platz auf dem Tisch bekommt).

11:09-11:12 Erster Post

Ich poste ein Bild in der Hoffnung, meinem Instagram-Überdruss durch ein paar Likes Abhilfe zu verschaffen.

 

Ginas Insta-Post soll für Reaktionen sorgen ...

Bild: Screenshot Instagram

13:15-13:25 Nietzsche auf Facebook

Beim Durchforsten meiner Facebook-Freundesliste entdecke ich einen alten Bekannten wieder, der jetzt bloggt. Er philosophiert über Nikotin. Ich lese seine Texte und nehme mir vor, mich in Zukunft mehr mit Adorno und Nietzsche zu beschäftigen.

14:09 14 Likes!

Ein Blick aufs Handy verrät mir, dass der Insta-Post von heute Morgen ziemlich gut ankommt: 14 Likes und drei Kommentare – Juhu.

14:12-14:15 "haha"

Ich beantworte die Kommentare unter meinem Bild: "Danke" und "haha". Für mehr reicht es nicht.

 

... und siehe da: die Likes purzeln rein.

Bild: Screenshot iPhone

14:16 Es reicht!

Ich lege das Handy gelangweilt weg. Nehme mir vor, es heute nicht mehr in die Hand zu nehmen und den restlichen Tag mit etwas Sinnvollem, wie Wohnung aufräumen, zu verbringen.

15:17-17:00 Ab an den Laptop

Auf der Suche nach neuen Einrichtungsinspirationen lande ich auf Pinterest. Das Resultat meiner Suche: Screen­shots von Cupcake-Rezepten – die ich wahr­scheinlich niemals machen werde.

18:10-19:00 Turnen auf Youtube

Ich tippe "Yoga" in die Youtube-Suchleiste ein und turne drauflos.

19:05-19:07 Hamster-Trance

Auf Facebook postet jemand ein Video. Der Titel: "Cute hamster falls asleep." Wie ferngesteuert klicke ich darauf. Eine Minute später erwache ich aus meiner Hamster-Trance und realisiere, dass ich Tier­videos eigentlich hasse. Wie viele Minuten meines Lebens ich wohl schon für solche Videos verschwendet habe?

20:15-22:00 Sinnfrei, aber unterhaltsam

Auf der Suche nach einer Doku lande ich auf Youtube und schaue mir dort "Food-Diaries" und einen "XXL-Autumn-Fashion-Haul" von deutschen und US-Youtube-Stars an. Komplett sinnfrei – aber unterhaltsam.

23:00 Offline

Ein letzter Instagram-Check. Dann lege ich das Handy neben mein Bett.

Fazit

Es ist erschreckend, wie oft ich mein Smartphone in die Hand nehme, in der Hoffnung auf Neuigkeiten und Sensationen, wie sehr Apps meinen Alltag bestimmen und vor allem wie wenig ich mir dessen bisher bewusst war. Allein an diesem Wochenende war ich 400 Minuten online. Das sind sieben Stunden. Zeit, um mindestens 500 Seiten eines Buchs zu lesen, um eine andere Stadt zu besichtigen oder einfach mal gar nichts zu tun. Aber dafür fehlt einem eben meistens die Zeit.

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