Wenn Männer dünn sein wollen

Riccardo Simonetti thematisiert mit offenherzigen Nackt-Aufnahmen Bulimie und Magersucht bei Männern. Eine Herzensangelegenheit für den deutschen Modeblogger, der selbst von der Krankheit betroffen ist.

Von: Melanie Biedermann

Wenn Männer dünn sein wollen
Bild: Joseph Wolfgang Ohlert Die Nacktfotos haben Riccardo geholfen, zu sehen, was wirklich da ist: ein schlanker, junger Mann.
31 Mär '15
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Seit seinem Auftritt im Blogger-Special in der TV-Sendung "Shopping Queen" ist Riccardo Simonetti in Deutschland eine kleiner Promi. Man kennt nicht unbedingt seinen Namen, aber sein Wallehaar, die Blumenkränze und den Glitzer-Jesus-Look. In der Sendung huschte er quirlig durchs Bild, zelebrierte sein Faible für Samt-Capes – und fühlte sich zu dick. Riccardo ist nicht nur Modeblogger, er ist auch Model. Das war immer sein Traum. Und Dünnsein. Das auch.

"Ich wollte Model werden, weil ich das Gefühl hatte, dass die Modewelt die einzige ist, die jemandem wie mir ein Zuhause geben würde", erklärt uns Riccardo im Interview seine Begeisterung für die Branche. Dazu muss man wissen: Der heute 22-Jährige ist im bayrischen Alpenstädtchen Bad Reichenhall aufgewachsen. Klein, konservativ. Als junger Mann, der sich für Mode, Theater und das Entertainment-Business interessiert, ist das nicht einfach.

Essen wird zum Problem

"Es begann etwa in der Zeit, als ich eingeschult wurde", sagt Riccardo. "Die Ärzte sagten meiner Mutter, dass ich zu Übergewicht neige. Von da an wurde plötzlich penibel darauf geachtet, was ich ass." Mit 13 übergibt sich Riccardo das erste Mal nach dem Essen. Richtig schlimm wurde es mit 15. "Ich hatte grosse Träume und die standen über allem - auch über meiner Gesundheit", gibt er heute zu.

"Berauscht von dem Gefühl einen leeren Magen zu haben, fühlte ich mich dünn", beschreibt Riccardo auf seinem Blog diese Zeit. Und dünn sein, darauf käme es ja an. Aber das Hunger-Hoch wurde immer kürzer, es gab eine Zeit, da stand Riccardo stündlich auf die Waage. Er fürchtete, nicht mehr abnehmen zu können.

Karriere trumpft Krankheit

Dann kam ein Gefühl, dass noch stärker gewesen sein muss als Riccardos Bedürfnis, dünn zu sein: "Mit 18 wurde alles zu viel. Ich spielte in zwei Stücken am Theater, moderierte eine Radiosendung, war Schulsprecher, steckte mitten in den Abi-Vorbereitungen und hatte gerade begonnen zu modeln." Sein Pensum war zu gross, als dass ein unterernährter Körper es hätte bewältigen können. Um seine Karriere weiterverfolgen zu können, musste sich Riccardo gegen die Krankheit stellen.

Geholfen hat ihm die Unterstützung von zwei Freunden und seiner Mutter. "Sie wussten nur das nötigste, aber das reichte", sagt Ricardo. Eine Therapie hat er nie gemacht. Sich als Mann zu einer Essstörung zu bekennen, kostet enorme Überwindung. "Du wirst als Junge nicht ernst genommen, wenn du dir Gedanken zu deinem Äusseren machst", findet Riccardo. Männer mit Figur-Problemen gelten als unsexy. Das ist ein Problem. Ein grosses sogar. Es macht die Krankheit noch heimtückischer.

Ein Stück Freiheit durch Nacktbilder

"Heute bin ich im Grossen und Ganzen zufrieden mit mir und meinem Körper. Ich kümmere mich um ihn und versuche mich zu dem Menschen zu formen, der ich sein will - auf gesunde Art und Weise, mit viel Disziplin." Natürlich findet er immer noch Makel an sich. Die Bilder, die sein guter Freund, der Fotograf Joseph Wolfgang Ohlert, in einem spontanen Anfall von Übermut von ihm geschossen hat, findet er "nicht perfekt. Aber ich bin zufrieden mit dem, was ich sehe. Und das zählt."

Wenn Riccardo die Bilder ansieht, fühlt er sich wohl. Und bestätigt. Denn heute erkennt er auf dem Bild, was wirklich da ist: ein junger, attraktiver und schlanker Mann. Einer, der, wie er selbst sagt, aussieht wie Lindsay Lohan. Wer genau hinsieht, entdeckt unter Riccardos linkem Arm auf Brusthöhe ein Tattoo, das seine Geschichte wunderschön zusammenfasst. Eine Anlehnung an ein Zitat von Marilyn Monroe: "All I ask for is my right to twinkle". Alles, was er will, ist das Recht zu glitzern.

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