"Schauspielern ist meine Art zu reisen"

Statt Ritalin zu nehmen, ging Ella Rumpf in die Steinerschule – wo sie die Schauspielerei entdeckt hat. Heute ist die Schweizerin mit dem Kinofilm "Chrieg" auf dem besten Weg, durchzustarten.

Von: Catharina Steiner

Bild: Pierluigi Macor Stark, offen und selbst­bewusst: So haben wir Ella kennen gelernt.
06 Mär '15
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Vieles im Schweizer Drama "Chrieg" bleibt beim Zuschauer hängen. Die Schönheit der Bilder etwa oder die inhaltliche Radikalität, die an Regisseure wie Lars von Trier oder Michael Haneke erinnert. Und die Schauspieler. Vor allem Ella Rumpf. Sie spielt ein Mädchen, das lieber ein Typ wäre. Mit fast kahl geschorenem Schädel, baggy T-Shirts und jeglicher Absage an Sinnlichkeit, lebt ihre Filmfigur Ali in einem Erziehungscamp für schwer erziehbare Jugendliche in den Bergen. Gewalt und Entfremdung prägen ihren Alltag.

Die 20-Jährige spielt so überzeugend, dass sie dafür eine Nominierung für den Schweizer Filmpreis bekam, der im März vergeben wird. Dabei war die Zürcherin alles andere als ein Tomboy, als Regisseur Simon Jaquemet ihr die schwierige Rolle gab. Sich dafür von ihren langen Haaren trennen zu müssen, war für sie nicht einfach. Am Ende war es aber das Beste, was ihr passieren konnte: "Ich habe mich auf eine völlig neue Art kennen gelernt. Das hat mich befreit. Ich habe gelernt, wie es ist, mich nackt zu zeigen", sagt Ella. 

Als Mann in Bars, schnorren auf der Strasse

Am Schluss der Dreharbeiten hatte sie das Gefühl, dass ihr keiner mehr etwas antun kann. "Ich bin auf die Strasse gelaufen und habe mich unzerstörbar gefühlt. Die Rolle gab mir eine extreme Kraft, die ich mir nie zugetraut hätte." Um sich vorzubereiten, hat Ella monatelang im Boxring trainiert, ging als Mann verkleidet in Bars und schnorrte auf der Strasse Geld von Wildfremden. Eine krasse Erfahrung. "Am Anfang war es schwierig, ich habe mich selbst nicht mehr erkannt. Aber mit der Zeit kam ich fast nicht mehr aus der Rolle raus. Ich habe es genossen zu sehen, was es mit mir macht und wie anders die Leute auf mich reagieren. Das war unglaublich lehrreich."

Diese neugefundene Stärke strahlt Ella auch beim Covershooting für Friday aus. Fotograf Pierluigi Macor schwärmt im Studio nicht nur von ihrem Gesicht; ihr tougher Ausdruck beeindruckt ihn, diese Attitüde. 

Mit geschorenem Schädel und jeglicher Absage an Sinnlichkeit: Ella (l.) als Ali in "Chrieg".

Bild: Hugofilm

Dabei schien es lange Zeit illusorisch, dass die Halbfranzösin einmal Schauspielerin werden würde. Ella war extrem introvertiert, hatte Konzentrationsprobleme. Die Ärzte wollten ihr Ritalin geben, erzählt sie. Das änderte sich erst, als sie in eine alternative Schule wechselte. "Ich war irgendwie verloren in meiner Traumwelt. In der Steinerschule konnte ich mich dann entfalten, lernte mich kennen. Es war ein Neuanfang für mich. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, ich selbst sein zu können." 

"In London muss ich kämpfen"

Zur selben Zeit wurde ihr Interesse an der Schauspielerei geweckt. Mit 16 hatte sie ihre erste kleine Rolle im Kinofilm "Draussen ist Sommer". Vor zwei Jahren schaffte sie dann die Aufnahmeprüfung an eine Londoner Schauspielschule. Ein weiterer entscheidender Wendepunkt in ihrem Leben. "Mir wurde klar: Das ist etwas Ernstes, und ich bin bereit, alles dafür aufzugeben."

Ihre Eltern unterstützen sie finanziell, so gut es geht, das Schulgeld muss sich die Newcomerin mit Drehs selbst verdienen. Das ist nicht immer einfach, wie sie zugibt. Trotzdem kam die Schweiz als Ausbildungsort für sie nicht in Frage: "In Zürich ist alles sehr flach für mich, alle haben schon alles und scheinen so satt zu sein. Ich werde immer so ehrgeizlos, wenn ich hier bin. In London habe ich das Gefühl, mich durchkämpfen zu müssen."

Alles auf eine Karte

In der britischen Hauptstadt lebt sie in einer WG, in einem typischen englischen Reihenhäuschen mit Garten und Katze. Eine wichtige Rolle spielt auch ihre zweite Heimat Paris. Dort haben sich ihre Eltern – der Vater ist Schweizer, die Mutter Französin – beim Philosophiestudium kennen gelernt. Ein Teil von Ellas Familie stammt aus den sozial schwierigen Vororten, den Banlieus. Sie kennt also die Schattenseiten der Stadt und nicht nur das romantische Paris aus dem Reiseführer. Nach Abschluss des Studiums will sie in ihre Geburtsstadt ziehen, um das französische Theater besser kennenzulernen. 

Ella ist zweisprachig aufgewachsen, die Türen stehen ihr dort beruflich offen. Ein Sicherheitsnetz gibt es nicht, sie setzt alles auf Bühne und Film – die Schauspielerei ist für sie nun mal weit mehr als ein Beruf: "Ich liebe es, dass jeder Tag etwas Neues bringt. Ich werde mit Situationen konfrontiert, die ich im echten Leben nie hätte. Das ist meine Art des Reisens. Andere gehen in ein fremdes Land, ich mache das mit dem Schauspielern."

Der Film

"Chrieg" ist ein Film, wie ihn die Schweiz nur selten hervorbringt. Bildgewaltig und verstörend porträtiert der 36-jährige Simon Jaquemet in seinem Debütfilm eine Handvoll Jugendliche, die sich nicht in der Gesellschaft zurechtfinden und in den Bündner Bergen einem Leben in Anarchie frönen. Das Drama ist als bester Film für den Schweizer Filmpreis nominiert. Ab 12. März im Kino. Tickets für die Vorpremieren in Bern (11.3.), Luzern (12.3.), und St. Gallen (14.3.) gibts hier zu gewinnen.

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