Sexismus ist wieder Thema - gut so!

Eine junge Amerikanerin läuft durch Manhattan und wird dabei unzählige Male angemacht: Dieser YouTube-Hit wärmt die Debatte über Sexismus im Alltag wieder auf. Unsere Redaktorin Marie Hettich findet das absolut richtig so. Was meint ihr?

Sexismus ist wieder Thema - gut so!
06 Nov '14
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Das Video "10 hours of Walking in NYC as a Woman" zeigt die Schauspielerin Shoshana Roberts, 24, wie sie in Jeans und T-Shirt durch die Strassen Manhattans geht und nonstop von Männern angelabert wird. Ihr Freund geht mit Kamera im Rucksack ein paar Meter vor ihr – und hält klammheimlich fest, was seit einer Woche überall im Internet heiss diskutiert wird. 34 Millionen Klicks und 125.000 Kommentare beweisen: Sexismus ist ein Thema, auch bei uns, auch zwei Jahre nach der #aufschrei-Debatte um den deutschen FDP-Politiker Rainer Brüderle, der die Brüste einer jungen Journalistin kommentiert hatte.

Beim Einkaufen, im Tram, im Ausgang

Auch mir macht Sexismus zu schaffen. Beim Einkaufen, im Tram, im Ausgang. Oft gaffen diese Männer nur, manche schauen dann aber nicht mal weg, wenn man sie mit seinem Blick entlarven will. Sie glotzen genüsslich weiter, grinsen anzüglich. Dass sie dabei oft das Alter meines Vaters oder Grossvaters haben, spielt für sie keine Rolle. Manchmal drücken sich Männer im ÖV oder einem Club langsam und eng an mir vorbei – obwohl genug Platz für Abstand wäre. Dann gibt es diese typischen Männergruppen, bei denen man schon von weitem ein ungutes Gefühl im Bauch bekommt und versucht, so unauffällig wie möglich vorbeizuschleichen. Und meistens bekommt das Bauchgefühl recht und sie scannen, kommentieren, reissen Witze, rufen, rennen einem hinterher. Vielleicht sind diese Typen ja sogar nett zu ihren Frauen daheim – um in der Gruppe aufzutrumpfen, müssen aber wir auf der Strasse herhalten. Und dann gibt es die, die aggressiv werden, wenn man sie ignoriert. Und einem zu allem Übel auch noch ein "eingebildete Schlampe" mit auf den Heimweg geben.

Bloss keine falschen Signale

Ich bin mittlerweile ziemlich verkrampft. Ich achte, wenn ich allein unterwegs bin, penibel darauf, keine Signale nach aussen zu senden, die falsch interpretiert werden könnten. Ich esse im Zug nur noch Bananen, wenn ich mein Umfeld vorher genau gecheckt habe. Weil mir dabei nämlich mal ein Typ sehnsüchtig zugeschaut und, als ich es bemerkt habe, auch noch zugezwinkert hat. Das hat zur Folge, dass ich bestimmt schon oft sehr kühl zu Männern war, die eigentlich ganz unschuldig sind. Es tut mir leid für alle, die nicht so sind. Aber leider haben zu viele andere schon zu viel verbockt.

Will eine Frau im Mini die Pfiffe und Sprüche?

Die Sexismus-Debatte ist heikel. Sie wirft viele Fragen auf, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Es ist schwierig, Stellung zu beziehen, ohne Männer komplett zu verunsichern: Darf ich noch flirten und Komplimente machen oder laufe ich damit direkt der Gefahr, als Dreckschwein deklariert zu werden? Haben nicht sogar die meisten Frauen die Einstellung, dass der Mann "den ersten Schritt" machen soll? Wenn der Typ zwar älter ist, aber aussieht wie George Clooney – ist sein Blick oder seine Anmache dann irgendwie okay, vielleicht sogar ganz schmeichelhaft? Was ist, wenn eine Frau in Mini und hohen Hacken unterwegs ist? Will sie dann die Pfiffe und Sprüche?

Auch Frauen können Schweine sein – aber sie sind es viel seltener

Spätestens seit dem Film "Paradies: Liebe" von Ulrich Seidl über Sextouristinnen in Afrika weiss ich ausserdem, dass auch Frauen Schweine sein und Männer herablassend als Objekte behandeln können. Auch das ist ein wichtiges Thema. Aber es passiert nun mal viel seltener. Oder wie oft bekommt ihr mit, dass eine Frau einem Mann hinterherpfeift und lautstark seinen Hintern kommentiert? Eben. Und – und das ist wohl der ausschlaggebende Punkt – es schwingt da nicht diese grosse Keule der körperlichen Überlegenheit mit. Wir Frauen wissen, dass die Männer könnten, wenn sie wollten. Auch die Männer wissen das. Und das macht manchmal Angst. Das ist Sexismus.

Einfach mal die Klappe halten

Die Antwort, dass Männer halt biologisch anders ticken als Frauen, befriedigt mich nicht. Sie macht mich wütend. Neben Trieben sind wir Menschen nämlich auch mit einem Gehirn ausgestattet. Das könnten Männer zum Beispiel folgendermassen einsetzen und sich fragen: Ist mein Verhalten gerade angebracht? Wie wahrscheinlich ist es, dass mein Kompliment jetzt gut ankommt? Wie wahrscheinlich ist es, dass meine Begeisterung für sie auf Gegenseitigkeit beruht? Und demnach eventuell auch einfach mal die Klappe halten und die Augen anderweitig beschäftigen. Danke.

Das ist das Video:

Wie geht es euch mit dem Thema? Findet ihr die Debatte wichtig?

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