Wonderwomanfilm
Getty Images

"Wonder Woman" ist eben doch sexistisch

von Marie Hettich

25 JUNI 2017

Life

Alle Welt feiert den Blockbuster als feministisches Meisterwerk. Redaktorin Marie Hettich war auch im Kino – und findet, es gibt überhaupt nichts zu feiern.

"Wonder Woman" hat eingeschlagen wie eine Bombe: In den USA hat der Film bisher über 300 Millionen Dollar eingespielt und auch hierzulande thront er über "Baywatch" auf Platz 1 der Kinocharts. Ausserdem vergeht seit Wochen kaum ein Tag, an dem sich nicht eine Frau zu Wort meldet und den Film in den Himmel lobt. So, als sei gerade etwas ganz Bahnbrechendes passiert.

Kathleen Hildebrand von der "Süddeutschen Zeitung" schwärmt zum Beispiel davon, dass die Frauen im Film zwar knapp bekleidet, aber trotzdem "Subjekte" und "nicht Objekte einer lüsternen Kamera" seien. Die "This is Jane Wayne"-Autorin Julia Korbik schreibt, sie war "ehrlich berührt", weil die Superheldin "nicht nur als Nebenrolle auftaucht", sondern "ganz im Zentrum der Handlung steht". Zoe Williams von "The Guardian" liebt den Film "von ganzem Herzen" und beschreibt ihn in all seinen Facetten als "feminist act". Und auf Twitter berichtet eine Frau nach der anderen, sie sei im Kino vor lauter Rührung in Tränen ausgebrochen. Was ist da los?

Er erklärt ihr die Welt

Nun, obwohl ich den Film mittlerweile gesehen habe, kann ich diese Frage nicht beantworten. Ganz im Gegenteil – ich stelle mir sie jetzt erst recht. Beim besten Willen: ich habe keine Ahnung, was diese feministischen Begeisterungsstürme ausgelöst haben könnte.

Ja, eine Frau spielt in der Comic-Verfilmung von "Wonder Woman" die Hauptrolle – wäre auch merkwürdig, wenn nicht. Ja, Gal Gadot ist weder spindeldürr, noch ist sie blutjung, noch hat sie Riesenbrüste, die sie die ganze Zeit in die Kamera hält. Und ja, den Bechdel-Test würde der Film wahrscheinlich bestehen – wobei, stopp, nur der erste, viel kürzere Teil, der auf einer Insel spielt, die nur von Frauen bewohnt wird. Mehr fällt mir leider nicht ein. Und diese Tatsache wirft in mir eine neue Frage auf: Ist der Massstab für Frauen, etwas als feministisch zu feiern, so erschreckend tief gerutscht?

Mich verwundert, dass der Film – wohlbemerkt von Patty Jenkins, also einer Regisseurin umgesetzt – keinen feministischen Shitstorm ausgelöst hat. Denn Gal Gadot mag zwar ununterbrochen auf der Leinwand zu sehen sein – zur Storyline trägt sie aber paradoxerweise herzlich wenig bei. Wäre da nicht der von Chris Pine gespielte Spion, der den ganzen Plot erst in Fahrt bringt und ihr währenddessen die Welt erklären muss, würde wahrscheinlich überhaupt nichts passieren. Mein Freund, der im Kino neben mir sass, meinte irgendwann: "Der Film ist reines Mansplaining."

Lasziv geöffnete Lippen und wenig zu sagen

Als wäre das nicht sexistisch genug, erfüllt Gal in der Rolle der "Wonder Woman" leider auch sonst ein Klischee nach dem anderen: Sie ist ständig perfekt geschminkt und frisiert und hat selbst nach Kampfszenen weder Schweiss noch Schrammen am Körper. Zu ihrer Rüstung, die aussieht wie ein Minikleid, trägt sie Overknees mit Absätzen.

Wenn sie mal spricht, dann spricht sie nicht wirklich, sondern haucht ihre Sätze durch ihre schmolligen Lipgloss-Lippen, die in 99 Prozent aller Fälle lasziv geöffnet sind – auch wenn sie schweigt, was sowieso viel öfter passiert. Ihr Verstand setzt aus, als sie zum ersten Mal ein Baby erblickt – der Spion muss sie zurückhalten und wieder an ihre Mission erinnern.

Und auch zwischendurch ist sie immer wieder von ihrem Plan, den Ersten Weltkrieg zu beenden, abgelenkt, weil sie auf dem Weg dahin von jeder einzelnen verwundeten Person so empört ist, dass sie stehen bleibt und darüber referiert, wie sich doch bitte alle sofort wieder liebhaben sollen. Dass sie ausserdem auch noch Jungfrau ist, aber sehr wohl ihr Interesse daran, wie sich Sex wohl anfühlen mag, zum Ausdruck bringt, dürfte auch eher die männlichen als weiblichen Zuschauer begeistern.

Seit ein paar Tagen wird übrigens wild darüber spekuliert, ob Gal Gadot für "Wonder Woman" viel weniger Gage als männliche Actionhelden bekommen hat. Wundern würde mich das nicht. Sexismus auf der Leinwand, Sexismus im echten Leben – alles beim Alten also.

Noch mehr von uns

Was hältst du von diesem Artikel?

  • :(
  • love it no Data :(
  • haha no Data :(
  • wow no Data :(
  • traurig no Data :(
  • wütend no Data :(
  • love it
  • haha
  • wow
  • traurig
  • wütend