mütter
Valeria Zoncoll / Unsplash

Wo sind all die glücklichen Mütter hin?

von Marie Hettich

14 SEPTEMBER 2017

Life

Jetzt ist aber auch mal wieder gut mit "Regretting Motherhood", findet Redaktorin Marie Hettich. Sonst verliert sie vor lauter Horrorstorys noch die Lust auf eigene Kinder.

Vor zweieinhalb Jahren habe ich Sarah Diehl interviewt. Die Berlinerin hatte gerade ein Buch veröffentlicht – ein Plädoyer, kinderlose Frauen endlich nicht mehr als komisch abzustempeln. Das Gespräch hat mich tagelang verfolgt. Irgendwann kam ich zu dem Punkt: Hey, vielleicht lass ich das mit dem Kinderkriegen später auch sein. Ich fühlte mich befreit von der Vorstellung, Kinderkriegen gehöre in den Lebenslauf jeder normalen Frau.

Kurze Zeit später sorgte eine Studie für Aufruhr: Die israelische Soziologin Orna Donath sprach dafür mit Müttern, die lieber wieder kinderlos wären. Das Phänomen "Regretting Motherhood" war geboren, inklusive beliebtem Hashtag auf Twitter. Nach und nach poppte das Thema auch in Zeitungen und Zeitschriften auf. Ich verfolgte alles gespannt. Endlich dürfen auch Mütter motzen, dachte ich.



Trauen sich zufriedene Mütter nicht mehr, den Mund aufzumachen?

Mittlerweile bin ich 29 und kann all die negativen Stimmen zum Thema Mutterwerden nicht mehr hören. Wo sind denn die Frauen hin, die ihre Kinder nicht bereuen? Die eventuell sogar richtig zufrieden mit ihrem Leben sind? Trauen die sich vielleicht gar nicht mehr, den Mund aufzumachen? Aus Angst, völlig unreflektiert und unemanzipiert daherzukommen? Oder kann es die zufriedenen Mütter gar nicht geben, weil immer noch so wenig dafür getan wird, dass der anstrengende Alltag nicht nur an ihnen hängen bleibt?

All die kritischen Stimmen haben sich derart in mein Hirn eingenistet, dass ich mich wie ein naives Frauchen fühle, wenn ich mich doch ab und an beim Träumen von einer eigenen Familie erwische. Ganz automatisch erinnere ich mich dann jedes Mal mahnend an all die düsteren Dinge, die mir in letzter Zeit aus allen Richtungen nonstop um die Ohren flogen.

Höllenqualen, Depressionen, leergesaugte Brüste

Zum Beispiel: Höllenqualen in der Schwangerschaft, das Körpergefühl eines hässlichen, trägen Walrosses. Tagelange Wehen, Schmerzen beim Stillen, das Kind schreit die ganze Zeit, Wochenbett-Depression. Die Brüste baumeln wie leergesaugte Milchtüten Richtung Boden, der Bauch wird nie wieder straff.

Alles geht den Bach runter: Freundschaften, Hobbys, die Beziehung, das Sexleben, der Job. Nach und nach löst man sich gemeinsam mit dem alten Leben zwangsläufig in Luft auf. Übrig bleibt das stets nach Aufmerksamkeit quäkende Kind und der Dreck zuhause. Der Partner? Immer unterwegs.

Panik vor dem Kinderkriegen

Welcher normale Mensch will nach all diesen Horrorstorys noch frohen Mutes Mutter werden? Ich habe den Eindruck, dass das, was früher totgeschwiegen wurde, heute zu viel thematisiert wird. Früher sind vielleicht manche Frauen mit romantisch-verstrahlten Vorstellungen Mutter geworden, heute haben viele solche Bedenken, dass sie die Schwangerschaft ewig vor sich herschieben.

Oder sie bekommen furchtbare Panik, wenn sie ungeplant schwanger werden. Eine Freundin von mir ist nach ihrem positiven Test schnurstracks zur Schwangerschaftsabbruchsberatung marschiert – obwohl sie über 30 ist, ihren Doktortitel in der Tasche und einen sehr netten Freund hat. Nach langem Hin und Her und einem Bonding-Moment bei einem Ultraschall-Termin entschied sie sich dann doch dazu, schwanger zu bleiben. Jetzt freut sie sich jeden Tag mehr auf das Kind.

Neue Vorbilder

Was die meisten von uns jungen Frauen dringend brauchen, sind neue Vorbilder. Damit meine ich weder Mütter, die wie vom Mutterglück besoffen über gar nichts mehr anderes reden können, noch Frauen, die in alle Richtungen posaunen, warum sie keine Kinder haben wollen. Sondern Mütter, die uns Mut machen. Die erzählen, wie genervt und erschöpft sie sind, aber auch sagen: Das Leben ist nicht vorbei, es fängt nur ein neues an. Denn[nbsp]im Grossen und Ganzen sind Kinder spitze.

Noch mehr von uns

Was hältst du von diesem Artikel?

  • :(
  • love it no Data :(
  • haha no Data :(
  • wow no Data :(
  • traurig no Data :(
  • wütend no Data :(
  • love it
  • haha
  • wow
  • traurig
  • wütend