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Wenn der Po dicker aussieht, als er ist

von Karin Zweidler

25 OKTOBER 2017

Health

Kim Kardashian gesteht in der neuen Staffel von "Keeping Up With the Kardashians", dass sie sich ein falsches Bild von ihrem Körper macht. Solche Fälle häufen sich. Eine Expertin erklärt, woher das kommt und was das für Folgen hat.

"It's literally giving me body dysmorphia", sagt eine verzweifelte, ins Badetuch gewickelte Kim in einer Folge der aktuellen "Keeping Up With The Kardashians"-Staffel. Mit "it" meint sie unvorteilhafte Paparazzi-Bilder aus ihren Mexiko-Ferien, die sie im Bikini zeigen: Ihr nicht ganz dellenfreier Körper – relativ normal mit 37 Jahren – stürzt sie in eine Krise. Kim schämt sich für ihren Körper und mag nicht mehr in die Öffentlichkeit.

Wir wollten mehr über Körperwahrnehmungsstörungen wissen und haben bei Erika Toman nachgefragt, einer Psychotherapeutin, die sich auf das Thema Essstörungen spezialisiert hat.

BODY WHAT?

Frau Toman, was genau meint Kim Kardashian, wenn sie von Body Dysmorphia spricht? Das ist eine Wahrnehmungsstörung des eigenen Körpers. Menschen, die an einer Körper-Dysmorphie leiden, sehen ihren Körper negativer als er in Wirklichkeit aussieht. Sie schämen sich extrem für vermeintlich hässliche Körperzonen – eine asymmetrische Nase zum Beispiel, unterschiedlich geformte Brüste oder eben Oberschenkel mit ein paar Dellen.

Sieht sich denn nicht jeder und jede selbst ein bisschen kritischer, als es nötig wäre?
 Die Selbstwahrnehmung ist immer von der momentanen Stimmung abhängig, klar. Man hat aber noch keine Body Dysmorphia, nur weil man sich an manchen Tagen eher hässlich und unwohl fühlt oder generell seine Nase nicht so mag – das ist völlig normal.

Ab wann wirds krankhaft?
 Sobald die Abneigung wahnhaft wird und sie einen beeinträchtigt: Geht die Person gar nicht oder ungern aus dem Haus wegen ihres Komplexes? Hasst sie sich richtiggehend? Stürzt sie sich in OPs? Wird sogar die eigene Sexualität beeinträchtigt?

Wer ist am häufigsten betroffen? 
Die Störung ist sehr eng mit dem eigenen Selbstwert verbunden und kommt dementsprechend oft zwischen 15 und 40 vor. Das ist jene Zeitspanne, in der man versucht, einen eigenen Wert zu entwickeln und sich fragt: Wer bin ich? Und vor allem: Wo stehe ich in der Welt.

Leiden eher Frauen oder Männer daran?
 Viele Frauen, aber zunehmend auch Männer. Viele von ihnen fühlen sich zum Beispiel seit der Fitnessbewegung in ihren eigentlich normalen Körpern schmächtig. Generell kann man aber unabhängig vom Geschlecht sagen: Je mehr der eigene Wert übers Aussehen definiert wird, desto gefährdeter ist die Person.

Warum ist die Störung bisher eher unbekannt? 
Klinisch gesehen ist sie nichts Neues. Menschen, die immer wieder mit Schönheits-OPs nachhelfen und dann doch nicht zufrieden sind, gibts schon länger. Neu ist, dass das Phänomen breit diskutiert wird. Die sozialen Medien haben unseren Körper nochmal vermehrt ins Zentrum gerückt, das macht sich jetzt bemerkbar.

Er ist viel wichtiger als früher.
 Ja. Und sichtbarer. Wir sehen uns ja ständig irgendwo und vor allem: Andere sehen uns. Wir könnten in jeder Situation abgelichtet und ins Netz gestellt werden. Das setzt unter Druck.

Was können wir gegen ein verzerrtes Körperbild tun?
 Stabile Beziehungen sind ein guter Schutz. Solche, die nicht in erster Linie aufs Aussehen aufbauen, echte – abseits von Social Media.

Und wenns schon zu spät ist?
 Dafür gibts Therapien mit gezielten Wahrnehmungstrainings. Wobei aber die wenigsten Patienten aus eigenem Antrieb kommen: Sie haben ja nicht das Gefühl, dass sie krank sind, sondern dass Teile ihres Körpers oder ihres Gesichts einfach hässlich sind. Sie würden dementsprechend eher zum Chirurgen gehen als in die Therapie. Darum ist es so wichtig, dass die Fachleute unterscheiden können, wo es ethisch verantwortbar ist, mit dem Messer nachzuhelfen und wo die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen nur eine massive Selbstwertstörung kaschiert.


Dr. Erika Toman ist Psychotherapeutin, Leiterin des Kompetenzzentrums für Essstörungen und Adipositas in Zürich sowie des Therapeutischen Wohnens für Frauen mit Essstörungen p2b. Sie hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben, darunter "Mehr ich, weniger Waage: Abnehmen ohne Illusionen, mit Seele und Verstand".

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