prostitution
Peter-Andreas Hassiepen

"Viele Männer glauben, Prostituierte mögen ihren Job"

von Marie Hettich

2 JULI 2017

Life

Die preisgekrönte Autorin Nora Bossong war für ihr Buch "Rotlicht" in Swingerclubs, Sexkinos und Bordellen unterwegs. Viele Erlebnisse haben sie entsetzt – eines hat sie verzaubert.

Nora, du hast für dein Buch über ein Jahr lang im Rotlicht-Milieu recherchiert. Gabs eine Situation, bei der du an deine Grenzen gestossen bist? In einem Sexkino habe ich zufällig eine Gangbang-Situation miterlebt, bei der ich mir nicht sicher war, ob ich heil wieder rauskomme. Ich wusste in dem Moment nicht, ob ein Nein überhaupt gelten würde oder ob meine blosse Anwesenheit schon Erlaubnis genug ist, alles mit mir zu machen. Sehr berührt haben mich auch die Gespräche, die ich mit zwei Frauen geführt habe, die in Berlin auf dem Strassenstrich arbeiten.

Was genau hat dich aufgewühlt? Mir wurde klar, wie verhältnismässig privilegiert es ist, was ich unter dem Wort "Würde" verstehe. Die Grenzen, die ich als absolut klar ansehe, sind im Leben dieser Frauen fliessend. Ihre eigenen Bedürfnisse stellen sie ganz klar hinter die von anderen – sie müssen nonstop zurückstecken.

Empfindest du den Beruf der Prostituierten nun, nach deinen Recherchen, als noch schlimmer als gedacht? Natürlich kann ich letztlich nicht sagen, wie es ist, in diesem Beruf zu arbeiten, aber mir persönlich ging es ja schon an die Substanz, viel Zeit an diesen Orten zu verbringen – dabei konnte ich im Gegensatz zu den Prostituierten die Grenzen immer klar ziehen.

Wie respektlos werden die Frauen behandelt? Man kann es nicht verallgemeinern, aber rosig geht es selten zu. Ein vergleichsweise harmloses Beispiel: Ich war einmal auf einer Sexparty in einem Wohnungsbordell und vor Ort die einzige Frau, die nicht für Geld zu haben war. Die Männer schienen dadurch sofort viel mehr Respekt vor mir zu haben als vor den anderen Frauen. In dem Moment, in dem sie zahlen, wird der Respekt kleiner oder verschwindet sogar ganz. Eine komische Art und Weise, mit Intimität umzugehen, finde ich – auch dann, wenn sie als Dienstleistung angeboten wird.

Sollte Prostitution verboten werden? Ich bin ambivalent. Es gibt gute Gründe dagegen, etwa, dass damit das Problem einfach nur verschoben würde, von Deutschland aus an die tschechische Grenze zum Beispiel, und dass zudem das Gewerbe damit noch stärker in einen Dunkelbereich abdriften würde. Allerdings hängen Legalisierung und Legitimität auch eng zusammen, und es ist darüber hinaus noch schwieriger, Zwangsprostitution eindeutig nachzuweisen. Dieses Problem gäbe es bei einem generellen Sexkaufverbot nicht mehr.

Hast du den Eindruck, dass Männer davon ausgehen, dass die Frauen den Job gern machen? Das reden sich viele ein. Die Männer, mit denen ich gesprochen habe – zum Teil reflektierte Leute, auch Freunde von mir – lieferten zig Ausreden, warum es in ihrem Fall etwas anderes wäre, wenn sie zu einer Prostituierten gehen würden. Weil sie die Frauen im Gegensatz zu den anderen nett behandeln würden, zum Beispiel. In Freier-Foren brüsten sich Männer nicht selten damit, dass die Prostituierte bei ihnen gerade wirklich Spass hatte. Wenn sie sich damit beschäftigen würden, wieso diese Frau dort steht und was sie schon alles erlebt hat, würde wahrscheinlich einigen, die nicht ganz komisch drauf sind, die Lust sehr schnell vergehen.

Welche Männer gehen zu Prostituierten? Es gibt unzählige Gründe für die unterschiedlichsten Männer. Sei es, weil sie in ihrer eigenen Beziehung keinen Sex mehr haben und das nicht thematisieren können. Oder weil sie ein extrem frauenverachtendes Verhalten an den Tag legen – und deshalb natürlich auch wenig Erfolg bei Frauen haben. Oder weil sie extrem schüchtern sind. Aber sie alle eint, dass es diese Hintertür gibt, durch die sie leichter, ohne sich grossartig konfrontieren zu müssen, zu ihrer Bedürfnisbefriedigung kommen.

Würdest du einen Mann daten, der regelmässig ins Bordell geht? In dem Moment, in dem er es zugibt, wäre schon mal ein grosser Schritt getan – die meisten verheimlichen das ja. Ich finde, es kommt sehr darauf an, ob er sich hinterfragt oder ob er es als normales Privileg ansieht. Viele Freier gehen davon aus, sie hätten ein Recht darauf, dass ihnen die Gesellschaft Körper zur Befriedigung zur Verfügung stellt – einfach, weil Männer ohne ausgelebte Sexualität angeblich nicht leben können. Gleichzeitig sprechen sie Frauen dieses Privileg nicht zu.

Hätten Frauen denn überhaupt Interesse an Sex für Geld? Wer weiss? Das Angebot besteht ja gar nicht wirklich. Ich bin mir sicher, dass Machthierarchien und Sexualerziehung eine sehr grosse Rolle dabei spielen, warum sich Männer Sex kaufen können und Frauen nicht.

Bist du also dafür, dass Bordelle für Frauen eröffnet werden? Nach allem, was ich nun gesehen habe, finde ich die Idee nicht mehr so verlockend. Ich denke, wir sollten uns viel tiefgreifender mit dem Thema auseinandersetzen und uns überlegen, wie eine schöne Sexkultur entstehen könnte. Eine Kultur, die die Schönheit von Erotik feiert und nicht als reine Triebbefriedigung dient – so wie Tantramassagen beispielsweise. Die kann ich empfehlen.

Tatsächlich? Für mein Buchprojekt hatte ich einen Termin bei einer Tantramasseuerin und mir erschien es als eine überzeugende Form der sexuellen Dienstleistungen, die in keiner Weise mit Entwürdigung zu tun hat und Sexualität als etwas Ganzheitliches betrachtet. Obwohl ich nicht der esoterische Typ bin, würde ich mir das immer wieder gönnen – wenn es nur nicht so teuer wäre.

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