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"Viele finden den Richtigen erst ab 50"

von Karin Zweidler

16 MAI 2016

Life

Paartherapeut Stefan Woinoff ist Experte in Sachen Beuteschema. Im Interview erklärt er, warum es hilfreich sein kann, immer wieder auf denselben Männertyp zu stehen – und worin die Gefahr liegt.

Herr Dr. Woinoff, warum stehen wir immer auf dieselben Typen? Jeder sucht sich seine Partner nach gewissen, ähnlich bleibenden Kriterien aus. Das ist ganz normal und vereinfacht die Partnerwahl – sonst käme ja die ganze Welt infrage. Schwierig wirds, wenn man mit seinem Beuteschema immer gegen die Wand rennt.

Also der Klassiker: “Ich gerate immer nur an Arschlöcher?” 
Genau. Das Problem ist aber eben nicht, dass man Arschlöcher trifft, sondern wie schnell oder langsam man sie wieder loswird. Die Mehrheit der Menschen passt nicht zu uns – es gibt aber Leute, die merken das nicht oder erst viel zu spät.

Kann man sein Beuteschema überlisten? 
Das ist schwieriger, als man denkt. Wichtig ist erstmal zu wissen: Was läuft da ab? Warum passiert mir immer wieder dasselbe? Das heisst aber leider noch lange nicht, dass einen die schädlichen Personen auf einmal nicht mehr anziehen. Der zweite und extrem schwierige Schritt ist, dann auch Personen eine Chance zu geben, die rational den richtigen Kriterien entsprechen, auch wenn sie nicht sofort Schmetterlinge in den Bauch zaubern.

Also eine Beziehung ohne Verliebtheit? 
Vielleicht beginnt die Beziehung dann nicht über das Hochgefühl der Verliebtheit, sondern es ist ein steter, langsamer Weg bis zur Liebe. Das ist zwar weniger romantisch, aber langfristig erfolgreicher. Und in diesen Fällen gesünder. Flugzeuge im Bauch sind kein Gütesiegel für die wahre Liebe.

Und das alte Beuteschema soll man dann einfach ignorieren? 
Wer das nicht schafft oder nicht schaffen will, kann auch versuchen, seine eigene Erwartungshaltung zu ändern. Wer zum Beispiel weiss, dass er auf Beziehungsgestörte steht, der kann versuchen, es nicht mehr persönlich zu nehmen, wenn der andere sich unerwartet zurückzieht. Dann tuts nicht mehr weh – und man empfindet den anderen nicht mehr als Arschloch.

Woher kommen Beuteschemata überhaupt? 
Sie entstehen aufgrund von drei Faktoren. Erst einmal prägt uns das archaische Beuteschema, also die Kriterien, die evolutionsbiologisch wichtig waren.

Inwiefern? 
Früher galt: Grosse, muskulöse Männer können ihre Frauen und Kinder gut beschützen, sind gute Jäger – bringen also Nahrung mit nach Hause. Auch heute möchte kaum eine Frau einen Mann, der kleiner ist als sie – auch wenn es theoretisch nichts mehr zur Sache tut.

Und was sind die anderen zwei Faktoren? 
Einerseits beeinflussen uns Mode und Zeitgeist. Wer heute aussieht wie Ryan Gosling, hat gute Chancen. Unsere Geschmäcker passen sich den vermeintlichen Idealen an, wenn wir sie ständig vor die Nase gesetzt bekommen.

Und andererseits? 
Werden wir ganz stark geprägt von dem, was wir in unserer Kindheit vorgelebt bekommen. Oft suchen wir uns unbewusst Partner aus, die unseren Vätern oder Müttern gleichen. Optisch oder charakterlich.

Irgendwie seltsam. 
Das macht schon Sinn. Wenn wir ein gutes Verhältnis hatten zu unseren Vätern oder Müttern, sehen wir sie als Idealbild des anderen Geschlechts. Wir wollen die gute Erfahrung also auch mit unserem Partner weiterführen. Tragisch ist aber, dass es auch in negativen Fällen so ablaufen kann.

Zum Beispiel?
 Wenn sich die Tochter eines Alkoholikers selber immer wieder einen Trinker anlacht, dann hofft sie, dass er all das wieder gutmacht, was ihr Vater früher verbockt hat. Ironischerweise klappt das aber genau aus denselben Gründen wieder nicht.

Haben Hormone einen Einfluss auf unsere Partnerwahl? 
Während des Eisprungs ist der Östrogenspiegel hoch und Frauen stehen auf sehr männliche Typen: markantes Kinn, breite Schultern, Bart. Die Frau ist fruchtbar und will die perfekten Gene für ihr Kind einsammeln. Wenn der Hormonspiegel wieder sinkt, sind die kuschligen Versorger hoch im Kurs. Je mehr Östrogen im Körper, desto eher schlagen die archaischen Beuteschemata durch.

Und im Leben allgemein? Stehen wir mit 20 auf andere Typen als mit 60? 
Im höheren Alter, wenn die Fortpflanzung kein Thema mehr ist, werden die archaischen Beuteschemata weniger wichtig; es geht mehr um Seelenverwandtschaft. Viele Leute finden erst ab ungefähr 50 den Partner, der geistig wirklich zu ihnen passt.

Hat die Emanzipation unsere Partnerwahl verändert? 
Früher war das Idealbild klar: Der Mann versorgt die Familie, die Frau sollte vor allem lieblich sein und hübsch aussehen. Heute ist der Mann stolz, wenn er eine Akademikerin vorzeigen kann. Sie sollte also nicht mehr nur hübsch, sondern auch klug sein.

Und die Männer?
 Die sollen mittlerweile wiederum nicht mehr nur klug und erfolgreich sein, sondern auch gutaussehend. Frauen wollen heute genauso attraktive, gut gekleidete Partner.

Fair eigentlich, oder? 
Das ist fair, aber anstrengend für den Einzelnen. Das Gesamtpaket bieten zu müssen, macht Druck.


Dr. med. Stefan Woinoff ist Paartherapeut in München und hat dem Thema Beuteschema gleich ein ganzes Buch gewidmet.

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