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Wir haben uns als Paar gegenseitig mit einer App getrackt

von Stephanie Vinzens

3 MAI 2018

Life

Kontrolle? Verfolgungswahn? Suchtgefahr? Text-Praktikantin Stephanie und ihr Freund haben einen Monat lang getestet, wie es sich anfühlt, sich gegenseitig per App auszuspionieren.

Tracking-Apps stehen nicht gerade für harmonische Beziehungen. Eher denken wir dabei an kontrollwütige, paranoide Paare, die Vertrauensprobleme der schwereren Art haben. Als mir meine Kollegin aber einen Artikel zeigt, in dem eine Frau von der praktischen Seite des Sich-Stalkens erzählt, werde ich doch ein wenig neugierig – und lasse mich auf einen vierwöchigen Selbstversuch ein.

Am nächsten Tag sind ich und mein Freund um eine App reicher und wissen nicht nur wo der Partner gerade steckt, sondern auch wie viel Akku er noch hat, welche Strecken er in den vergangenen 48 Stunden in welchem Tempo zurückgelegt hat und wie lange diese dauerten. Creepy. Zudem ist die App erschreckend genau: Ich kann auf der Karte beobachten, wie ein Kreis – mein Freund – sich vom Haus in den Garten bewegt.

Das "Wo steckst du gerade?" ist überflüssig

Dass die App durchaus nützlich sein kann, merke ich schon am zweiten Tag, als ich zu spät zu unserem Date komme. Im vollen Tram suche ich genervt nach meinem Handy, um ihm Bescheid zu geben und ramme dabei ständig meinen Sitznachbar mit dem Ellenbogen. Endlich finde ich es in meiner Tasche und schreibe erschöpft: "Sorry verspätet, in 10 min da". Prompt kommt zurück: "Ich weiss doch, sehs in der App".

Zuerst bin ich perplex – dann realisiere ich amüsiert: Gestresstes Nachrichten-Tippen in vollen Trams und ewiges Rumfragen wie "Bist du schon unterwegs?" oder "Wo steckst du gerade?" sind jetzt überflüssig.

Würdet ihr in eurer Beziehung eine Tracking-App benutzen?

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  • Ja, weil ich meinem Partner nicht vertraue. 8%
  • Vielleicht. Sie könnte nützlich sein. 20%
  • Niemals – das geht zu weit. 37%
  • Nein, sowas brauchen wir nicht. 35%

Wochenend-Stalking

Im Alltag denken wir selten an die App, oft bleibt sie sogar mehrere Tage unberührt. Am Wochenende steigt unsere Stalking-Frequenz aber massgeblich und mein Freund gesteht schon am ersten Samstag: "Ich habe nachts um vier Uhr geschaut, ob du nach der Party wirklich nach Hause bist".

Und auch ich mache mich des Wochenend-Stalkings schuldig. Zum Beispiel dann, als mein Freund so betrunken ist, dass er nach dem Ausgang direkt zu Hause einpennt, ohne mir wie üblich zu schreiben. Als ich morgens ohne eine Nachricht von ihm aufwache, bin ich ehrlich gesagt ziemlich froh, als mir die App  anzeigt, dass er sich um zwei Uhr brav auf den Nachhauseweg gemacht hat – dass ich mich dabei wie eine Agentin fühle, ist ein netter Nebeneffekt. 

Die App als Vertrauens-Ersatz?

Trotz scheinbar grossem Suchtpotential haben wir uns aber weder in stalkende Handy-Zombies verwandelt, noch fühlen wir uns ständig beobachtet. Eher machen wir uns einen Spass daraus und senden uns nervige Nachrichten wie "Hey, dein Akku ist bald leer!" oder "Geniesst du grad die Sonne im Garten?". Das mag aber daran liegen, dass wir eine gesunde, ehrliche Beziehung führen.

Denn wenn Vertrauen, Ehrlichkeit oder Kontrolle ohnehin ein Problem sind, könnte so eine Tracking-App durchaus zu exzessivem Verhalten führen. Und auf keinen Fall darf man erwarten, dass sie fehlendes Vertrauen ersetzt. Ich meine klar, auch in der gesündesten Beziehung ist es schön zu wissen, dass der Liebste gerade dort steckt, wo er sein sollte. Wenn dieses nice to know aber ein must know wird und Vertrauen von Grund auf fehlt, wird es wegen eines Kreises auf einer Landkarte nicht plötzlich auftauchen.

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