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Make-up unterstreicht, was ich fühle

von Gina Buhl

8 SEPTEMBER 2017

Beauty

Immer mehr Stars zeigen sich aus Protest öffentlich ohne Make-up. Redaktorin Gina Buhl findet die Debatte zwar wichtig, aufs Schminken verzichtet sie aber trotzdem nicht.

"Kein Make-up mehr zu tragen, ist für mich wie ein Befreiungsschlag. Für meine Seele, meine Gedanken und meinen Körper", schreibt Sängerin Alicia Keysvergangenen Mai in Lena Dunhams "Lenny Letter". Für ihren Mut, sich als Weltstar dem Make-up-Zwang zu entziehen, erntet sie erst Respekt im Netz. Dann, vergangene Woche bei den MTV VMAs, führt ihr ungeschminkter Auftritt zu einem Shitstorm, bei der sich Make-up-Gegner und Make-up-Befürworter gegenüberstehen: "Gut so, Alicia – befreie dich vom unterdrückenden Schminkzwang, der eh nur Männern gefallen soll" meinen die einen, "Steck dir deinen verlogenen Pseudo-Femininismus sonst wo hin" die anderen.

Auch Alicias 20-jährige Kollegin Alessia Cara erklärt im Juli auf Twitter, dass sie ab jetzt während der Performance ihres Songs "Scars" auf Schminke verzichten wolle. "Die Leute sollen sich nur noch auf meine Musik, nicht auf mein Äusseres konzentrieren". Mit Nicole Richie und Bella Thorne reihen sich diese Woche weitere Celebs in die Make-up-free-Bewegung ein.


Frauen mit Make-up = Dummchen?

Ich habe Respekt vor den Aussagen und den Entscheidungen der drei Frauen. Trotzdem haben mich ihre (vermeintlichen) Befreiungsschläge und die Reaktionen darauf zum Nachdenken gebracht: Ist es nicht erstaunlich, dass das Tragen von Make-up so negativ konnotiert ist? Dass das Sich-Schminken von vielen als ein die Persönlichkeit überdeckendes Werkzeug betrachtet wird? Und ist es nicht schlichtweg traurig, dass es genug Leute gibt, die mit einer Schminkliebhaberin ein dümmliches, unterdrücktes Frauchen assoziieren?

Ich liebe Schmink-Experimente

Ich schminke mich gern. Es macht mir Spass, meine Finger in Lidschatten-Paletten zu tupfen, mit 20 Lippenstift-Strichen auf meiner Hand aus einer Drogerie zu laufen und mit neuen Produkten zu experimentieren. Ich mag es auch, wenn der Farbton auf meinen Lippen genau der Farbe meines Oberteils entspricht. Und es gibt Tage, an denen ich mich bei jedem Blick in den Spiegel aufrichtig über meinen perfekt aufgetragenen Lidstrich freuen kann.

Gina

Mein Intellekt sinkt nicht mit jedem Pinselstrich.

Bin ich deswegen dumm und oberflächlich? Drehen sich meine Gedanken ausschliesslich um Schminke? Nein. Ich kann mit Freundinnen 20-minütige Debatten über die Deckkraft einer neuen Foundation führen – und anschliessend reflektiert über Erdogans Politik, die Flüchtlingskrise oder die Frauenquote in Führungspositionen diskutieren. Mein Horizont beschränkt sich nicht auf die Länge des Beauty-Counters im Warenhaus. Und mein Intellekt sinkt nicht mit jedem Pinselstrich, den ich auftrage. 

Make-up kann Scheisstage besser machen

Ich trage Make-up, weil ich es mag, meinen Look damit ständig verändern zu können. Ist Make-up eine Maske, hinter der ich mich verstecke? Nein, in erster Linie unterstreicht es das, was ich fühle und betont meine Stimmung. Aber ja, Make-up macht mich selbstbewusster. Der Pickel in meinem Gesicht, der mich an Scheisstagen vielleicht beschäftigen würde, interessiert mich nicht mehr, wenn ich Concealer auftrage. Ich gehe selbstbewusster in Meetings, zu Dates, in den Supermarkt. Ich fühle mich befreiter – Make-up kann Scheisstage besser machen.

Ich schminke mich für mich 

Die Frage, für wen ich Mascara, Foundation, Rouge, Highlighter, Bronzer und Lippenstift auftrage, ist einfach zu beantworten: Für mich. Und zwar ausschliesslich. Die These, Frauen würden sich vor allem schminken, um Männern zu gefallen, ist nicht untermauert. Den Satz "Ich stehe auf Natürlichkeit bei Frauen" habe ich nämlich mindestens so oft gehört, wie ich das leicht-angespannte Männer-Gesicht vor einem Kuss mit rotem Lippenstift gesehen habe. Und ich schminke mich immer noch. Es ist mir egal.

Ich verstehe mein Auftragen von Schminke nicht als emanzipatorischen Akt, mit dem ich mich aus den Ketten der Unterdrückung befreie. Es verbirgt sich keine politische Message dahinter. Ich mache es einfach, weil ich mich gut damit fühle.

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