Aufmacher 2

Japanisches Reality-TV tut der Seele gut

von Melanie Biedermann

20 APRIL 2018

Entertainment

Es ist die Antithese zu westlichen "Big Brother"-Formaten und perfekt für die Generation Mindfulness: In "Terrace House" gehts herrlich gspürig zu und her.

Ein Haus, sechs Fremde und Massen, die den WG-Alltag vom Sofa aus bespitzeln. Das Konzept ist bekannt und formal unterscheidet sich "Terrace House", zu sehen auf Netflix, kaum von westlichen "Big Brother"-Varianten – inhaltlich könnte die japanische Real-Life-Doku kaum weiter von davon entfernt sein. 

Statt Intrigen, Sex und Machtspielchen, allem also, was bei uns als Quoten-Garant gilt, zeigt "Terrace House" ein Zen-likes Zusammenleben. Wir haben die Staffel "Boys & Girls in the City" gesehen und ein paar Lifestyle-Hacks entdeckt, die wir uns als Mantras an den WG-Kühlschrank hängen.

  • Das Leben ist kein Insta-Feed
    Die jungen Tokioter in "Terrace House" haben einen Pool, trinken gern über den Durst und haben Spass. Der Grossteil ihres Alltags setzt sich aber aus Arbeit, kochen (sofern jemand im Haus denn kochen kann), essen und vielen stillen Gähn-Momenten zusammen. Sprich: Nach einer "Terrace House"-Binge-Session hast du kein FOMO und Tage ohne Eskapaden scheinen nicht nur in Ordnung, sondern völlig normal.
  • Wer transparent und pragmatisch datet, datet stressfreierOffiziell ist "Terrace House" zwar keine Dating-Show, trotzdem geht es in Gesprächen zwischen Bewohnern fast immer um den aktuellen Beziehungsstatus. Bist du Single? Wie lange schon? Was ist dein Typ? Tatsächlich kommen diese Fragen gleich nach dem ersten Hi. Und, Überraschung, mit geklärten Fronten funktioniert selbst hausintern das Parallel-Dating. Wer Interesse hat, versucht sein Glück, exklusiv wirds erst, sobald jemand definitiv interessiert ist. Will heissen, A sagt B, "Ich mag dich", und fragt: "Willst du mit mir ausgehen?" Ab da heisst es für alle anderen: Finger weg, hier sind Gefühle involviert (die verletzt werden könnten). Pragmatisch wie in der Primarschule und doch ein bisschen romantisch.
  • Externer Rat kann Krisen kitten (aka: Du weisst es nicht immer besser)
    Auch im Tokioter Zen-Daheim hängt der Haussegen mal schief. Anders als in unserer westlichen, oft hitzigen und emotional aufgeladenen Krisen- und Streitkultur, greift im "Terrace House" mindestens ein gspüriger Mitbewohner Spannungen jeweils auf und ein zettelt ein Hausgespräch an. Da wird dann vermittelt, angehört, deeskaliert. Auf den Alltag übersetzt heisst das: Eine neutrale Aussensicht schadet nie.
  • Nett ist nicht scheisse, nett ist Trumpf
    In unseren Kulturkreisen gelten nette Menschen als langweilig bis ambitionslos. Nett gibt dir keine Gehaltserhöhung, glaubt man Bestseller-Ratgeberliteratur, gibt dir nett auch keine Beziehung. In "Terrace House" sind wiederum nicht die mit den dicksten Muskeln oder dem prestigereichsten Job beliebt, es sind jene, die sich um das Wohl anderer bemühen.

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