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"Intervallfasten ist sehr bedenklich"

von Gina Buhl

7 MÄRZ 2018

Health

Immer mehr Leute schwören auf kurzzeitiges Hungern – darunter auch Celebs wie Miranda Kerr. Wir haben mit einer Ernährungsexpertin darüber gesprochen.

5:2 oder 16:8: In der Welt des Intervall-Fastens sollen das die Formeln für den perfekten Body sein. Hinter den Zahlen verbirgt sich ein Diät-Prinzip, bei dem in einem bestimmten Rhythmus, zwischen Zeiten des Essens und des Fastens gewechselt wird. Die Intervall-Fastenden essen also entweder an fünf Tagen in der Woche normal und fasten zwei Tage – oder verzichten täglich 16 Stunden auf Nahrung und mampfen anschliessend acht Stunden lang, was sie wollen.

Einige Mediziner behaupten, dass der Stoffwechsel dadurch lernen soll, von seinen Reserven zu leben – und man Gewicht verliert, ohne Muskeln abzubauen. Die aktuelle Ausgabe des "Spiegel Wissen" hat dem Thema sogar ihre Coverstory gewidmet – und auch Celebs wie Beyoncé, Miranda Kerr und Hugh Jackman sind wegen der angeblich entschlackenden und reinigenden Effekte Fans der Methode.

Aber wie gesund ist das Intervall-Fasten wirklich? Wie wirkt es sich auf unseren Körper aus? Wir haben mit der Ernährungsexpertin Beatrice Conrad Frey aus Roggwil gesprochen.

Frau Conrad, was passiert, wenn wir viele Stunden am Stück aufs Essen verzichten? Dann fängt unser Körper an, auf das körpereigene Fett zurückzugreifen, um den Energiebedarf zu decken. Sprich: Wir nehmen ab.

Intervall-Fasten ist also eine gute Möglichkeit, um abzunehmen? Nicht wirklich. Beim Intervall-Fasten wird ja teilweise einen ganzen Tag aufs Essen verzichtet – unser Körper braucht aber täglich Nährstoffe, damit der Stoffwechsel funktioniert. Die Gefahr, dass wir durch das unregelmässige Essen zu wenig Vitamine, Mineralstoffe und Eiweiss zu uns nehmen, ist gross. Wir nehmen vielleicht ab – verlieren aber auch wichtige Muskelmasse. Ausserdem hat das Ganze auch negative soziale und psychische Effekte.

Beatrice Conrad

Ernährungsberaterin und Autorin

Stellen sie sich vor, da sitzen Kinder am Tisch und das Mami isst jeden zweiten Tag nichts. Mit diesem Verhalten können bei den Kids die Grundsteine für Essstörungen gelegt werden.

Inwiefern? Stellen sie sich vor, da sitzen Kinder am Tisch und das Mami isst jeden zweiten Tag nichts. Mit diesem Verhalten können bei den Kids die Grundsteine für Essstörungen gelegt werden.

Warum ist Intervall-Fasten so beliebt? Wir leben in einer Überflussgesellschaft und sind immer auf der Suche nach Lösungen, um dem Dilemma von ständig zur Verfügung stehender Nahrung zu entkommen. Wir haben zu wenig Möglichkeiten, uns zu bewegen und zu wenig Zeit, uns überhaupt mit Essen zu beschäftigen. Da kann es natürlich sehr entspannend sein, wenn man einen Tag lang nicht darüber nachdenken muss, was man jetzt isst. Es bleibt mehr Zeit zu arbeiten und Leistung zu bringen. Sehr bedenklich, wie ich finde.


Und was ist mit der reinigenden und heilsamen Wirkung, die man dem Fasten nachsagt? Wir produzieren Urin und Stuhl. Unser Körper reinigt sich also jeden Tag von selbst – ganz ohne Fasten. Wenn wir einen Tag lang nichts essen, legen wir unseren Verdauungsapparat sogar eher lahm – und ob das so sinnvoll ist, wage ich zu bezweifeln.

Viele behaupten ja auch, dass die Ernährungsform so gesund sei, weil es an das Verhalten der Jäger und Sammler erinnert. Genau – weil es bei ihnen auch Phasen gab, in denen sie wenig zu essen hatten. Ich finde es aber ehrlich gesagt ziemlich schräg, wenn man einer Bevölkerungsgruppe etwas abschaut, die in einer Zeit gelebt hat, in der die Leute gerade mal 30 Jahre alt geworden sind.

Also gewinnen Sie dem Intervall-Fasten gar nichts Positives ab? Es gibt Studien, die belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen entzündlichen Prozessen, Herzkreislauferkrankungen und dem ständigen Vorhandensein von Zucker im Blutkreislauf gibt. Also machts durchaus Sinn, den Körper zwischendurch ohne Nahrung zu lassen. Aber eben nicht mehr als eine Nacht lang.

Wie ernähren wir uns also am besten? So simpel es klingt: Für Leute, die einen geringen Energieverbrauch haben, etwa weil sie täglich im Büro sitzen, ist es vernünftig, dreimal am Tag zu essen, um nicht zuzunehmen. Heisst: Zwischen dem Zmorge und Zmittag nichts, zwischen Zmittag und Znacht nichts – und danach auch nichts mehr. So bleiben Stoffwechsel und Verdauung aktiv und die Chance, den Nährstoffbedarf zu decken, bleibt bestehen.

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