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"Ich war meinem eigenen Körper ausgeliefert"

von Gina Buhl

13 MÄRZ 2018

Health

Zwei Jahre schlaflos und nichts hat geholfen: Die Leidensgeschichte unserer Redaktorin Gina Buhl.

"Ihr Körper holt sich schon irgendwann den Schlaf, den er braucht", sagte der Arzt zu mir, während er mich ungläubig musterte. Grund meines Termins bei ihm: Ich konnte nicht schlafen. Grund seines zweifelnden Blicks: seit acht Nächten schon.


Ich habe Insomnie. Eine Form der Schlafstörung, die Betroffene wie mich davon abhält, ein- oder durchschlafen zu können. Laut Statistik liegt ein Viertel der Schweizer Bevölkerung nachts mit mir wach und leidet, wie ich, tagsüber unter Folgen wie Müdigkeit, Stimmungsschwankungen und Konzentrationsschwäche.


Keine Zukunftspläne

Angefangen hat alles vor zwei Jahren: Mein Studium ging zu Ende. Ich hatte keine Pläne, und das stresste mich mehr, als ich mir eingestehen wollte. Tagsüber verdrängte ich die Gedanken an meine Zukunft - doch abends hinderten sie mich daran, einzuschlafen. Sobald ich die Augen schloss, durchflutete mich ein Gefühl von Beklemmung und Unruhe, das mich hellwach machte.


Anfangs traute ich mich nicht, anderen davon zu erzählen. "Viele Patienten die zu uns kommen, zögern lange bis sie einen Arzt aufsuchen - aus Angst, nicht mehr in unsere leistungsorientierte Gesellschaft zu passen", bestätigt Schlaftherapeutin Wieslawa Volk von der KSM Schlafklinik in Bad Zurzach.


Pseudo-kluge Ratschläge


Als ich mich doch überwinden konnte, anderen davon zu erzählen, erntete ich nur Unverständnis oder pseudo-kluge Ratschläge, von denen kein einziger half: kein Beruhigungstee, keine langweiligen Bücher – auch nicht die Schlaftabletten, die ich mir nach einer Woche mit Tränen in den Augen in der Apotheke holte.


Als eines Nachts mit Herzrasen und Schweissausbrüchen mal wieder wach da lag, beschloss ich, mich beim Arzt durchchecken zu lassen. Doch der fand nichts. Lieber hätte ich eine klare Diagnose gehabt. Ich fühlte mich machtlos und ausgeliefert – meinem eigenen Körper gegenüber.


Jeden Tag wurde die Panik vor dem Zubettgehen grösser. Das Nicht-Schlafen-können bestimmte meinen Alltag. "Das ist das grösste Problem vieler Schlaflosen", meint Schlaftherapeutin Volk: "Die Angst vor dem Schlafen manifestiert sich in unseren Gedanken. Bis unser Körper mit dem Bett statt Entspannung, nur noch Stress verbindet".


Irgendwann fragte ich mich, ob Schlafstörungen die Symptome einer Depression sind. Aber ich fühlte mich nicht depressiv. Nur müde. "Die Ursachen von Schlafstörungen sind vielseitig. Neben Depressionen können auch Leistungsdruck, Traumata oder Atmungsstörungen im Schlaf dahinter stecken", so Volk. Und auch die ungebremste Informationsflut der Sozialen Medien kann unser Schlafverhalten beeinflussen, da ist sich die Expertin sicher.


Endlich Besserung


Dann suchte ich Hilfe bei einem Schlafspezialisten. Er riet mir, meine Nächte in einem Schlaftagebuch festzuhalten. "Oft fühlt es sich nur so an, als ob wir die ganze Nacht wach liegen, obwohl sich zwischendurch doch zwei, drei Stunden Schlaf einschleichen", bestätigt Schlaftherapeutin Volk. Auch bei mir war das so – und zwar öfter als ich dachte.


Mit der Sicherheit, die mir das Protokoll gab, kam der Schlaf zurück. Geholfen hat auch das tägliche Meditieren und die Routine, die ich mir für den Abend angewöhnt habe: Ich gehe Spazieren und entspanne später bei einer Tasse Kamillen-Tee oder Good Night Dust von Moonjuice, einem Getränk mit beruhigenden Kräutern. Und mindestens eine Stunde vor dem Zubettgehen lege ich Smartphone und Laptop weg.


Mittlerweile sind die Nächte, in denen ich nicht schlafe viel seltener geworden. Und ich viel entspannter. Wenn ich mich doch unruhig hin- und herwälze, konzentriere ich mich auf meine Atmung. Entweder ich schlafe ein, oder eben nicht.

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