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Ich bin introvertiert – und das ist gut so!

von Gina Buhl

27 FEBRUAR 2018

Job & Budget

In der Arbeitswelt werden stille Menschen oft als schwach abgestempelt. Ein grosser Fehler, findet Redaktorin Gina Buhl, die ihre Stärken als Introvertierte mittlerweile kennt.

Wenn ich spontan ein verbindliches Statement abgeben muss, bin ich blockiert, geht es darum, sich zu verkaufen, lasse ich anderen den Vortritt. Einem Gesprächspartner ins Wort fallen, weil ich überzeugen will? Never. Ich bin introvertiert – und hatte lange meine Probleme damit. Ich habe mein Stillsein für eine Schwäche gehalten. Ich dachte, es sei schlecht, in einem Meeting eher die Zuhörende statt die Tonangebende zu sein. Es schien mir, als hielten viele meine Zurückhaltung für Schüchternheit, als wirkte ich gelangweilt, wenn ich beim Apéro nicht einen lockeren Spruch nach dem anderen raushaue.

Ruhe bewahren ist angesagt

Tatsache ist, dass Menschen wie ich in einer Gesellschaft, in der Attribute wie Schlagfertigkeit, Geselligkeit und Durchsetzungsvermögen als Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere angesehen werden, irgendwie untergehen. Doch auch ich habe etwas zu sagen. Zurückhaltung ist nämlich keinesfalls eine Schwäche. Im Gegenteil: Wer sich nicht ständig in den Vordergrund drängt, hat mehr Zeit, darüber nachzudenken, was er eigentlich sagen will – und welche Konsequenzen seine Worte haben. So etwa neulich bei einem Redaktions-Meeting: Ich habe mich zurückgehalten, während die anderen ewig über diese neue Idee diskutiert haben und sich nicht einig wurden. Ich habe zugehört, die fragenden Blicke ignoriert und meinen Vorschlag erst angebracht, als ich alle Argumenten abgewogen hatte – und damit gepunktet.

Unsere Skills sind gefragt

Die scheinbar unangefochtene Pole-Position der Lauten steht sowieso auf dem Prüfstand. US-Autorin Susan Cain schreibt in ihrem Buch "Still. Die Kraft der Introvertierten", dass in Zeiten von unüberlegten Social-Media-Kommentaren, schnellen News und Selfie-Queens die Eigenschaften analytischer, ruhiger Menschen besonders gefragt sind – auch im Beruf. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Fachbücher und Studien die positiven Eigenschaften von Introvertierten hervorgehoben. Die Februarausgabe von "Psychologie Heute" hat die Stärke der Stillen sogar zur Coverstory gemacht. Eine Entwicklung, das Selbstvertrauen der Introvertierten natürlich pusht. Viel wichtiger scheint mir aber, dass sie Extrovertierten hilft, unser Verhalten besser zu verstehen.

Ich bin die Meisterin der subtilen Vibes

Vorsicht etwa wird uns nämlich oft als Schwäche ausgelegt. Mich vorsichtig zu verhalten bedeutet in meinen Augen aber mit Fingerspitzengefühl vorzugehen und diplomatisch zu kommunizieren. Mir Zeit zu lassen, statt jemandem etwas unüberlegt an den Kopf zu schmeissen. Dieses typisch introvertierte Verhalten hebt auch Susan Cain in ihrem Buch hervor: "Vorsichtige Menschen denken länger nach, kalkulieren Risiken anders und können die Konsequenzen ihrer Handlungen besser einschätzen." Noch etwas: Ich bin die Meisterin der subtilen Vibes. Mein Umfeld scanne ich akribisch, erkenne feinste Unterschiede in Verhaltensweisen – bei Kollegen und Interviewpartnern etwa. Dadurch kann mich schnell in eine Person hineinversetzen, ihr auf Augenhöhe begegnen. Ich übernehme in unserem Team regelmässig die Rolle der Vermittlerin und meine Kollegen haben mir schon öfter gesagt, wie wichtig das besonders in angespannten Phasen für sie ist.

Eine Frau hinter Bücher versteckt
Bild: Anna Tea

Introvertierte Manager liegen vorn

Dass ich auf der Redaktion als Wissenschafts- und Tech-Nerd gelte, liegt nicht etwa an IT-Kursen oder einem Biochemie-Studium: Mir fällt es einfach leicht, mich stundenlang in knifflige Themen zu vertiefen, ich verstehe komplexe Zusammenhänge – Dinge, die Introvertierte laut "Psychologie Heute" besonders gut draufhaben. Wirtschaftswissenschaftler Steven N. Kaplan von der Booth School of Business in Chicago hat die Vorteile dieser Eigenschaften auch in Führungspositionen beobachtet: Seine Untersuchung in über 4500 US-Unternehmen zeigt, wie introvertierte und wie extrovertierte Manager sich auf den Erfolg auswirken. Entgegen den Klischees weisen die stilleren Manager viel bessere Bilanzen vor, geben weniger Geld aus – und sind erfolgreicher. Die extrovertierten schneiden wegen ihrer impulsiven Handlungen deutlich schlechter ab.

Übrigens: Auch Comedian und Rampensau Amy Schumer ist introvertiert, wie sie in ihrer Biografie "The Girl With the Lower Back Tattoo" schreibt. Das wundert mich überhaupt nicht. Am Vorurteil, dass Introvertierte schüchtern seien, ist nämlich nichts dran: Ich kriege keine Schweissausbrüche, wenn ich unerwartet etwas sagen soll, finde es super, vor Gruppen zu präsentieren, und habe schon oft vor Hunderten Leuten gesungen. Introvertiertheit hat weder mit fehlendem Selbstvertrauen noch mit fehlender Sozialkompetenz zu tun. Es ist die Fähigkeit, erst dann ins Rampenlicht zu treten, wenn man davon überzeugt ist, mit seinem Beitrag wirklich etwas zu bewegen.

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