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Anja Glover

Gute Aussichten in Medellín

von Yvonne Eisenring

3 JUNI 2018

Life

Unsere Autorin Yvonne Eisenring reist nach zehn Jahren zurück in die kolumbianische Metropole und merkt: Die einstige No-Go-Stadt hat sich extrem verändert.

Schau ihm mal zwischen die Beine!», sagt mein Begleiter und ich drehe so unauffällig wie möglich meinen Kopf. Ich habe gerade die Matur gemacht, bin 19 und das erste Mal länger weg: drei Monate in Kolumbien und Venezuela. Wir sind in Medellín im Auto Richtung Hotel. Ich in der Mitte, links der Fahrer, rechts ein Freund aus der Schweiz. Was ist zwischen den Beinen des Fahrers zu sehen? Eine Pistole. Im Schritt. Eingeklemmt. Er müsse uns doch beschützen, erklärt der Fahrer. «Wir sind hier schliesslich in Medellín!»


Viele Teile der Stadt waren No-go-Areas


Das war 2008. Die kolumbianische Stadt war bekannt für Drogenhandel, Bandenkriege, Morde und Erpressungen. Für uns Touristen waren viele Teile der Stadt absolute No-go-Areas. Ich verliess den Ort damals mit einem mulmigen Gefühl. Und dann schwärmten plötzlich meine Freunde von Medellín. Und die Presse. Es sei die innovativste Stadt der Welt.



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Anja Glover

In den Top Ten der digitalen Nomaden. Die modernste, hippste Metropople Südamerikas. Die Tourismuszahlen explodierten und ich dachte immer wieder: Medellín? Echt? Da muss man doch wirklich nicht hin! Neugierig wurde ich dennoch. Und so bin ich noch mal nach Kolumbien geflogen, zehn Jahre später. Weil ich wissen wollte, ob ich damals einfach blind war. Ob der Hype berechtigt ist. Wie ist dieses neue Medellín?

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Anja Glover

Nun, es ist wie Brooklyn. Oder London. Das ist jedenfalls mein erster Eindruck. Unser Hostel, das La Playa Hostel & Rooftop, liegt wie die meisten Unterkünfte beim Parque Lleras in Poblado. Ein Quartier mit schicken Boutiquen, coolen Restaurants und modernen Markthallen. Im Bonhomia essen wir Pizza, keine lateinamerikanische Interpretation, sondern mit dünnem Teigboden und Mozzarella, wie man sie aus Italien kennt.


Im Zentrum findet Veränderung statt


Dazu erklingt das französische Chanson «La vie en rose». Der Rotwein kommt aus Spanien. Das Essen ist köstlich, das ganze Quartier ausgesprochen hübsch, aber überzeugt hat mich Medellín deshalb noch nicht. Es gibt, was es in allen Metropolen gibt, einfach günstiger. Am nächsten Morgen gehen wir ins Zentrum.


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Hier hat sich nichts verändert. Das kleine Lokal mit Live-Musik liegt in einer düsteren, ungemütlichen Gegend. Trinkende, koksende und kiffende Leute sassen schon 2008 auf dem kleinen Platz. Eine Ausnahme. Sonst hat sich die Stadt komplett neu erfunden. 

Die wohl krasseste Ver­änderung ist in der Comuna 13 passiert, einem Stadtteil, der dank direkter Verbindung zur Küste die Kokainhochburg und bis 2010 der zweit­gefährlichste Ort der Welt war.

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Als ich das letzte Mal in Medellín war, wäre es absolut töricht gewesen, hier­herzukommen. Aber heute? Neue, überdachte Rolltreppen führen durchs Quartier, die Strassen sind sauber und Breakdancer zeigen ihr Können vor grossen, bunten Graffitis. 

Stolz auf die Stadt


Wir essen gefrorene Mangostücke mit Salz, ein Snack, der hier an jeder Ecke verkauft wird, und reden mit Guide Esteban Higuita über «seine Hood». Der 19-Jährige kam als Kind in die Comuna 13 und hat den Wandel miterlebt. Sein Stolz und sein Wunsch, dass jeder seinen Stolz versteht, beeindrucken und rühren mich. Er zeigt auf eine Rutschbahn. Da wurde vor sechs Jahren ein Kind bei einer Schiesserei getötet.

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«Die Rutschbahn erinnert uns daran», sagt er. Aber sonst seien die Paisas, so nennt man die Einwohner von Medellín und Umgebung, gut im Vergessen. «Wir schauen nach vorn!», sagt Esteban.


Nicht zuletzt deshalb will ich wieder nach Medellín gehen. Und zwar nicht erst in zehn Jahren, sondern bald. Weil es einen immensen Tatendrang ausstrahlt und weil ich wissen will, was alles möglich ist, wenn eine ganze Stadt nach vorn schaut

Tipps für Medellín

1. Die Reise nach Medellin dauert: Ab Zürich mit zwei Zwischenstopps um die 18 Stunden.


2.Flüge gibts ab ca. Fr. 1000.–


3. Besorg dir einen Guide - etwa die Stairway Story­tellers, die dich durch die Comuna 13 führen:facebook.com/ stairwaystorytellers


4. Im Quartier El Poblado gibts Patisserien, schicke Boutiquen und coole Cafés und Restaurants wie das beliebte El Rack.


5. Im Eslabón beim Parque del Periodista kannst du Salsa tanzen. Das gehört dazu.


6. Eine Top-Adresse für Kaffee-Freaks ist das Ganso & Castor Café.


7. Check die Reise-Hinweise - trotz Wandel: Das EDA warnt noch immer vor der hohen Kriminalitätsrate in Kolumbien.




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