michèle roten
Randy Tischler

"Fehlgeburten sind ein Tabu-Thema"

von Marie Hettich

12 JUNI 2015

Life

Die Zürcher Journalistin und Autorin Michèle Roten findet, wir sollten endlich offener mit Fehlgeburten umgehen. In ihrem Theaterdebüt über die mitteilungsbedürftige Generation Y postet die Protagonistin ihre Fehlgeburt sogar auf Facebook.

Asien bereisen, Praktika machen, ins Yoga gehen, Konfi kochen, und das alles fleissig auf Instagram & Co. festhalten - so leben die Millenials ihr Leben am liebsten. Aber was passiert, wenn plötzlich der Ernst des Lebens dazwischenfunkt? Genau darum geht es im Theaterdebüt von Michèle Roten.

Anna, die Protagonistin in "Wir sind selig oder: Oder." - eine typische Ypsilonerin mit hipper Bude und hippem Freund -, hat eine Fehlgeburt. Und was macht sie? Sie postet die Neuigkeiten auf Facebook und lädt dann, enttäuscht von den Reaktionen, Freunde zu einer "Abschiedsparty" für den Fötus ein. Der Abend eskaliert und wird zu einer schonungslosen Bestandesaufnahme unserer Generation.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Michèle Roten sich mit Gesellschaftsthemen auseinandersetzt: Zehn Jahre lang hat sie für "Das Magazin" eine Kolumne geschrieben - und dabei, wie auch in ihren feministischen Büchern "Wie Frau sein" und "Wie Mutter sein", kein Blatt vor den Mund genommen.


Michèle, über die Generation Y hat man schon viel gelesen. Warum hast auch du dich für das Thema entschieden? Ich schreibe immer über meine Umwelt, da komme ich ganz automatisch mit der Generation Y in Berührung. Für ein anderes Thema habe ich mich ganz bewusst entschieden: Ich habe einige Bekannte, die Fehlgeburten hatten. Ich finde, darüber wird zu wenig gesprochen.


Ein Tabu? Absolut. Deshalb halten viele ihre Schwangerschaft bis zur 12. Woche auch geheim. Niemand soll mitbekommen, falls es in den ersten Wochen einen Abort gibt. Ich finde das interessant: Wäre nicht genau das etwas, das man teilen sollte? Die meisten Frauen sind doch total erleichtert, wenn sie mit jemandem darüber sprechen können.

Warum tun sie es nicht einfach? Ich habe einen Artikel über eine US-Umfrage gelesen, in der Personen gefragt wurden, was ihrer Meinung nach die Gründe für Fehlgeburten seien. Fast alle waren sich sicher, dass die Frau einen Scheiss gebaut hat: Drogen, Alkohol, zu viel Stress, Sex während der Schwangerschaft. Frauen haben wegen diesem Unsinn Schuldgefühle und fühlen sich als Versagerinnen. Krass, oder?

In deinem Stück geht es auch um Religion: Anna wendet sich in ihrer Verzweiflung an einen Pfarrer, obwohl sie gar nicht religiös ist. Sie denkt sich: Wenn nicht jetzt gläubig werden, wann dann? Aber es klappt nicht. Unsere Generation kann nicht mehr glauben. Wir wissen zu viel, wir sind zu sehr zum kritisch-rationalen Denken erzogen worden. Wir sind daran gewöhnt, dass wir selbst entscheiden, was mit uns passiert.

Und das ist ein Problem? Bei Fehlgeburten oder Todesfällen hat man sich früher ganz einfach auf die Religion berufen: Gott wollte es so, das hat schon so seinen Sinn, fertig. So leicht haben wir es nicht mehr.

Den Abort auf Facebook posten klingt nicht nach einer guten Alternative. Natürlich ist das überspitzt, aber auch naheliegend. Warum sollte die Selfiementalität vor schlimmen Ereignissen Halt machen? Ich habe so neulich vom Tod der Ehefrau eines Facebook-Freundes erfahren. Zuerst fand ich es irgendwie pervers und dann sehr einleuchtend, dass die ganze Welt erfahren soll, dass  jemand gestorben ist, der geliebt wurde. Ich habe grundsätzlich den Eindruck, dass sich die Generation Y nur so spüren kann. Man macht nichts mehr mit sich selbst aus. Es braucht immer Zuschauerreaktionen.

Bist du auch so? Ich gehöre zu dieser Generation, aber mehr auf eine passive Art. Bei uns älteren Ypsilonern hat sich noch die Frage gestellt: Springe ich auf den Zug auf oder halte ich mich raus? Ich bin zu faul dafür. Ausserdem habe ich jahrelang in meinen Kolumnen sehr viel von mir preisgegeben. Im Moment bin ich nicht daran interessiert, irgendwen daran teilhaben zu lassen, was ich zu Mittag esse.


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