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"Ein Auto ist für Frauen ein Accessoire"

von Marie Hettich

29 MÄRZ 2018

Life

Hallo, Klischee?! Laut Design-Professor Lutz Fügener ist an vielen Auto-Geschlechter-Vorurteilen etwas dran – was nicht heisst, dass es keine weiblichen Autofreaks gibt.

Herr Fügener, wenn Sie einer 18-jährigen Schweizerin ein Auto schenken dürften – welches würde am besten ankommen? Ohne sie zu kennen? Uff, das ist schwierig. Wahrscheinlich würde ich ihr ein kleines Elektroauto wie den Renault Zoe kaufen. Es ist sehr gut designt – man sieht ihm überhaupt nicht an, dass es ein Elektroauto ist. Oder aber einen kleinen Porsche, einen Cayman zum Beispiel. Der Benzinverbrauch ist für einen Sportwagen relativ gering und mit einem Porsche ist man immer gut angezogen.

Bei "Germany’s Next Topmodel" wird seit Jahren wie verrückt für den Opel Adam geworben – ein typisches Frauenauto? Tatsächlich mögen viele Frauen kleine Autos mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis, die trotzdem elegant aussehen – den Mini beispielsweise. Die Front sollte nicht übermässig aggressiv daherkommen, und Wahlmöglichkeiten bei der Ausstattung kommen auch gut an. Autos wie der Opel Adam sind bei Frauen sicherlich auch deshalb beliebt, weil sie die Möglichkeit bieten, jede einzelne Nahtfarbe selbst zu bestimmen.

Farben sind für Frauen beim Autokauf also ein wichtiges Thema? Wenn die Frau in der Stadt lebt und im Arbeitsalltag Businesskleidung trägt, wird sie sich wahrscheinlich für ein schwarzes oder graues Auto entscheiden. Generell sind Frauen aber mutiger, weil sie ihr Auto mehr als Accessoire betrachten, das auch mal ironisch sein darf – bei Männern ist der Autokauf meist eine bitterernste Angelegenheit.

Welch ein Klischee! Total – die Klischeefallen lauern bei diesem Thema überall. Aber für die meisten Männer haben Autos in der Tat eine Prothese-Funktion: Das Auto verlängert ihre eigene Körperlichkeit, es wird zu einem Teil von ihnen. Man kann das auch bei Hunden beobachten: Wenn ein Mann mit einem Chihuahua oder Dackel Gassi gehen muss, fühlt er sich in seiner Würde herabgesetzt. Einer Frau ist das piepegal – sie findet einfach den Hund herzig.

Je dicker das Auto, desto kleiner der Penis: Ist an diesem dämlichen Spruch also doch etwas dran? Das Bild wollte ich vermeiden, aber ja – der Spruch ist eben die süffisante Zuspitzung. Ähnlich wie Kleidung können einen Autos schnell zu jemandem machen, der man eigentlich gar nicht ist. Das Auto sogar noch extremer als Mode: Gerade gehbehinderte oder alte Menschen müssen sich nur in ihr Auto setzen und sind dann plötzlich gleich schnell wie alle anderen.

Zurück zu den Frauen: Wie interessant ist die weibliche Kundschaft für die Autobranche? Sehr interessant, weil es weltweit immer mehr Käuferinnen gibt. Aber selbst wenn der Mann das Auto kauft, bestimmt die Frau sehr oft mit – das hat man lange unterschätzt. Häufig wählt der Mann den Typ des Fahrzeugs sowie die Motorisierung aus und die Frau bestimmt die Ausstattung. Bei Autos in der Mittel- und Kompaktklasse verdienen die Hersteller ihr Geld vor allem mit dem Innenleben – Frauen sind also auch dann von grosser Bedeutung, wenn sie nicht Käufer sind.

Warum ist das Interieur ein typisch weibliches Kriterium? Während Männer im Bezug auf Autos sehr emotional sind, sind Frauen pragmatisch. Das Interieur haben sie auf jeder Autofahrt vor der Nase – deshalb ist das ihnen auch wichtiger als ein beeindruckendes Äusseres oder ein bestimmter Motor. Einen Wagen mit 12 Zylindern kriegen Sie zum Beispiel nur an Männer verkauft. Frauen fragen sich: Warum für eine Spielerei mehrere zehntausend Franken dazubezahlen, wenn das Modell mit acht Zylindern quasi exakt dasselbe ist?

Frauen sind beim Autokauf also schwerer zu beeindrucken? Oh ja, die Autobranche beisst sich an ihnen immer wieder die Zähne aus. Frauen überlegen ganz genau, was sie brauchen – und was nicht. Deshalb sind auch Auto-Designerinnen so gefragt, weil man sich von ihnen eine weibliche Sicht auf den Entwicklungsprozess verspricht. Für die Werbung ist es ebenfalls sehr schwierig, Frauen zu erreichen: Sie lesen keine Autozeitschriften und haben selten Lust, sich stundenlang durch Prospekte zu wühlen. Die meisten fragen schlicht in ihrem Bekanntenkreis nach Tipps, wenn sie ein neues Auto brauchen.

Gibt es denn gar keine weiblichen Autofreaks? Ich vermute, es gibt unter den Frauen wesentlich mehr Auto-Enthusiastinnen, als man meint. Der Enthusiasmus ist von aussen einfach nicht so klar erkennbar – man kann ja auch mit einem unauffälligen Auto viel Spass haben. Wahren Enthusiasten ist die Aussenwirkung egal.

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