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Diese ganze Body-Positivity geht nicht auf

von Marie Hettich

23 APRIL 2017

Life

Bei einem eher unfreiwilligen Besuch in einer Nackt-Therme ist Redaktorin Marie Hettich klar geworden: Die Diversity-Bewegung rund um Ashley Graham fällt beim Reality-Check durch.

Vergangenen Samstag war ich zum ersten Mal auf einem Junggesellinnenabschied. Anstatt verkrampft betrunken und in lächerlichen Outfits Passanten zu belästigen, sind wir in eine Therme gefahren – in eine Nackt-Therme. Zu meinem Erstaunen hatte keine einzige der eingeladenen Frauen ein Problem mit diesem Plan, und weil ich so entspannt und unkompliziert sein wollte wie sie, gab ich mir einen Ruck.

Dieser Nackt-Thermen-Tag bescherte mir vier Erkenntnisse. Erstens: Thank god for alcohol. Zweitens: Es gibt an so einem Ort überraschend wenig Gaffer. Drittens: Gemeinsames Nacktsein schweisst zusammen. Und viertens: So richtig geht die mit Trommelwirbel gefeierte Body-Diversity-Bewegung nicht für mich auf.

Vielleicht ein bisschen weniger Körperhass

Natürlich ist es eine gute Sache, dass mittlerweile auch jemand wie Ashley Graham – das Aushängeschild der ganzen Bewegung – mit Kleidergrösse 44 als Model Karriere machen kann. Und natürlich ist es besser, dass Zeitschriften und Modekampagnen nicht mehr zu 100, sondern nur noch gefühlt zu 95 Prozent sehr dünne Models zeigen. Oder dass immer mehr Labels wie Levi’s und Nike schöne Klamotten in grösseren Grössen herstellen. Ich hoffe sehr, dass dadurch die ein oder andere Frau auf der Welt ihren Körper ein bisschen weniger hasst als noch vor ein paar Jahren.

Doch "diverse" ist das, was wir von der Modelwelt zu sehen kriegen, im Hinblick auf all die Körper da draussen nicht. Ashley Graham mag zwar deutlich mehr wiegen als ein Standard-Fashionmodel – perfekt proportioniert, wunderschön und damit eine absolute Ausnahmeerscheinung, ist sie trotzdem. Der Tag in der Therme hat mich daran erinnert, wie die meisten Frauen, ob dick oder dünn, jenseits der Modeindustrie und ohne Photoshop oder perfekte Instagram-Inszenierung wirklich aussehen: Ob sie nun einen grösseren Bauch als Busen, einen runden Po aber kaum Oberweite, ein breites Becken, Hüftspeck, Reiterhosen oder Pickel auf dem Rücken haben – ich bin mir sicher, dass sich so gut wie keine von ihnen mit irgendeinem selbsternannten Diversity-Model identifizieren kann. Genauso wenig wie schlanke Frauen mit Victoria’s-Secret-Engeln gemein haben, haben fülligere Frauen mit Models wie Ashley Graham gemein. Aber genau das schreibt sich die Bewegung auf die Fahne: Menschen wie du und ich sind jetzt Topmodels! Everyone is beautiful!

"I love myself"

Auch die Message der ganzen Sache, seinen Körper mit all seinen so genannten Makeln zu zelebrieren und zu lieben, hält keinem Reality-Check stand. Oder hat es irgendeine Frau da draussen jemals geschafft, ihre Cellulite jeden Morgen im Spiegel zu beklatschen und dem Schöpfer für dieses grossartige Meisterwerk zu danken? Aber kaum ein Tag vergeht, an dem Ashley Graham nicht auf irgendeinem Medienkanal runterbetet, wie grossartig sie ihren Body finde. Völlig ironiefrei versieht sie ihre stets perfekt inszenierten Schmollmund-Selfies in ihren Insta-Storys mit Kommentaren wie "I love myself." Sie scheint sich mit gar nichts anderem als ihrem Äusseren zu befassen. Und trotzdem gilt sie als inspirierendes Vorbild für Millionen von Frauen.

Ich wünsche mir, dass wir Frauen irgendwann an einen Punkt kommen, an dem wir unseren Körper weder hassen noch krampfhaft versuchen, ihn zu lieben. Sondern dass er uns einfach ein bisschen egaler wird – und wir uns fernab vom ständigen Blick in den Spiegel einfach eine gute Zeit machen.

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