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Ashley Armitage

Die neue Angst vor Sex ist gefährlich

von Melanie Biedermann

21 FEBRUAR 2018

Life

Die “Vogue“-Autorin Karley Sciortino hat ein Manifest für die Generation Slut geschrieben. Weil sie will, dass wir Frauen sexuell endlich selbstbestimmt sind.

Karley, 2007 hast du offiziell deinen Blog Slutever gestartet, 11 Jahre später ist jetzt dein erstes Buch erschienen. Als Einstieg gibts ein Schlampen-Manifest, wie kams? Ich bin in einer konservativen katholischen Familie aufgewachsen. Nach der Schule Sex auf der Rückbank eines Pick-ups Sex zu haben, war für mich ein Akt der Rebellion. Und keiner, der in einer Kleinstadt unkommentiert geblieben wäre.

Warum schreibst du heute über deine Erfahrungen? Als ich 2010 nach New York gezogen bin, habe ich aus Geldnot angefangen für eine Domina zu arbeiten. Ich begann mich für die Psychologie hinter sexuellen Randgruppen und Sexualverhalten generell zu interessieren, probierte viel aus und merke seither wie wahnsinnig vielseitig Sex sein kann, wie er in verschiedenen Punkten deines Leben etwas ganz anderes bedeuten kann.Zum Beispiel? Mal ist er Rebellion, mal Abkürzung zu Intimität, mal Selbstfindung, oft auch Gewohnheit. Aktuell lerne ich gerade, dass man in einer monogamen Langzeit-Beziehung wahrscheinlich extremeren Sex haben kann als mit jedem Casual Date. Dabei fand ich Monogamie früher scheisse.

Du hast eine Zeit lang als Escort gearbeitet. Wo hört Neugier auf, wann wird Sex gefährlich? Ich glaube, wir müssen unsere jeweils eigenen Grenzen definieren. Meine Erfahrung sagt mir, dass das am besten geht, indem man sie ausreizt.

Was passiert, wenn du sie überschreitest? Wenn sich Sex nicht mehr gut anfühlt, beginnst du dich zu fragen, warum. Ich sehe das als etwas Positives. In meinem Leben gab es sicher Momente, in denen die Art und Weise wie ich Sex hatte, nicht mehr gesund war. Aber ich bereue nichts. Ich finde es heuchlerisch, dass wir Frauen in allen anderen Bereichen des Lebens beibringen, tough zu sein, beim Sex aber das Gegenteil gilt. Wer im Job scheitert, soll aufstehen und weitermachen, wer eine negative sexuelle Erfahrung macht, trägt vielleicht ein Trauma davon. Ich glaube nicht, dass das wahr ist.

Diese Aussage wird das Blut vieler zum Kochen bringen. Sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen sind natürlich real, und beides ist nicht tolerierbar. Aber ich glaube, zwischen einem sexuellen Übergriff und Sex, der einfach nicht so gut oder auch unangenehm war, liegen Welten. Wenn wir Frauen diesen Unterschied nicht mehr erkennen können, geben wir unsere Kontrolle ab. Das ist in meinen Augen gefährlich.

Ein interessanter Punkt in Zeiten von #metoo. Ja, es grassiert diese neue Angst beim Thema Sex. Männer werden in die Angreifer-, Frauen in die Opferrolle gedrängt. Aber wenn wir in der Position der fragilen, passiven Frau verharren, entziehen wir uns unserer sexuellen Handlungsfähigkeit. 

Was findest du, was man tun sollte? Andere Frauen dazu ermutigen, selbst über ihren Körper zu bestimmen. Wir sollten Respekt von Männern einfordern und Verantwortung für unsere Entscheidungen übernehmen.

Wie die von dir beschriebenen Sluts? Ja. Für mich ist eine Schlampe eine Frau, die intensive sexuelle Erfahrungen sucht, und Sex hat wie und mit wem sie möchte. Es geht um weibliche sexuelle Selbstermächtigung. Ich hoffe, das Buch erinnert daran, dass Sex auch mit Spass und Genuss zu tun hat. Und eben, selbst wenn nicht: Auch schlechter Sex kann helfen, künftig bessere Entscheidungen zu treffen.

slutevercover

Halb Memoire, halb Plädoyer für eine Zukunft, in der Frauen sexuell selbstbestimmt handeln. Karley ist ein schlaues Buch voll wichtiger Themen, Witz und progressiver Thesen gelungen, das lässig leicht und super deep vereint. “Slutever: Dispatches from a Sexually Autonomous Woman in a Post-Shame World” ist bei Grand Central Publishing erschienen.

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