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Lukasz Wierzbowski

"Die Frau im Berghain hätte überleben können"

von Marie Hettich

23 MÄRZ 2018

Life

Ein Paar feiert gemeinsam im Kultclub Berghain – sie stirbt an einer Überdosis Ecstasy: Wir haben mit einem Drogen-Experten über die erschütternde Geschichte aus der aktuellen "Spiegel"-Ausgabe gesprochen.

"Tod in Berlin". So heisst ein verstörender Artikel im aktuellen "Spiegel", der die Geschichte einer Drogenüberdosis erzählt: Jennifer und Carlo, ein amerikanisches Paar um die 30, reisen gemeinsam nach Berlin. Sie feiern im berüchtigten Club Berghain – stundenlang, bis Jennifer von einer Mitarbeiterin zitternd, völlig überhitzt und mit Schaum vor dem Mund gefunden wird. Carlo fleht die Mitarbeiterin an, einen Notarzt zu rufen. Sie sehe das ständig, sagt diese. Kein Grund zur Panik. Erst 15 Minuten später hat Carlo sie endlich soweit, ein Krankenwagen kommt. Doch kurze Zeit darauf stirbt Jennifer an einer MDMA-Überdosis.

Letztes Jahr haben wir mit Boris Quednow, Professor für Pharmakopsychologie, darüber gesprochen, warum Frauen beim Ecstasy-Konsum noch vorsichtiger sein müssen als Männer. Aus aktuellem Anlass möchten wir das Interview noch einmal mit euch teilen – Dr. Quednow hat sich ausserdem noch zum Fall im Berghain geäussert.

Herr Quednow, was sagen Sie zum Artikel im "Spiegel"? Mich überrascht es ehrlich gesagt, dass es die Geschichte ins Magazin geschafft hat. Solche Todesfälle sind keine Seltenheit. In Grossbritannien zum Beispiel sterben jedes Jahr rund 50 Personen an einer Ecstasy-Überdosis.

Sehen Sie das Berghain nicht in der Verantwortung? Ich weiss zu wenig über den Club, um da klar Stellung beziehen zu können. Aber Jennifers Überlebenschance wäre sicher wesentlich grösser gewesen, wenn man sie umgehend notfallärtzlich versorgt hätte. Es wurde wahrscheinlich zu lange gewartet.

Wie sollte ein Nachtclub wie das Berghain konzipiert sein, um solche Fälle zu vermeiden? Es müsste geschultes Personal vor Ort geben, das sofort reagieren kann, wenn jemand schwer intoxikiert ist.

Es heisst, für Frauen sei Ecstasy gefährlicher als für Männer. Stimmt das? Davon gehen wir aus, ja. Eindeutig nachzuweisen ist es bislang jedoch nicht.

Wieso gehen Sie davon aus? Weil Frauen nach dem MDMA-Konsum häufiger in der Notaufnahme landen. Das liegt wahrscheinlich in erster Linie am geringeren Körpergewicht. Es ist nur logisch, dass bei der gleichen eingenommenen Dosis die MDMA-Konzentration im Blut einer 60-Kilo-Frau höher ist als bei einem 80-Kilo-Mann. Zudem verfügen Frauen über eine kleinere Menge eines bestimmten Leberenzyms, das unter anderem MDMA abbaut – sie brauchen also viel länger, um die Substanz im Körper zu verarbeiten.

Spielen auch Hormone eine Rolle? Der Zyklus hat tatsächlich einen Einfluss. Um den Eisprung herum reagieren Frauen euphorischer auf stimulierende Substanzen wie Ecstasy, was mit dem erhöhten Östrogenwert zusammenhängt. In der unfruchtbaren Phase ist es hingegen wahrscheinlicher, dass der Trip eher als unangenehm empfunden wird.

Und während der Periode? Da kann es unter Umständen schmerzhaft werden. Ecstasy verengt die Blutgefässe, was bedeutet, dass der Menstruationsschmerz stark zunehmen kann, weil es sich dabei ja um einen krampfartigen Muskelschmerz der Gebärmutter handelt, der durch die schlechtere Durchblutung verschlimmert wird.

Gibts auch bei anderen Drogen Unterschiede zwischen Mann und Frau? Ja, Frauen sind bezogen auf die Spätfolgen bei den meisten Substanzen gefährdeter als Männer. Auch bei Nikotin und Alkohol – wobei sich der Konsum hier ja viel leichter regulieren lässt als bei einer Pille, bei der man meist nicht einmal sicher weiss, was drin ist. Hinzu kommt, dass die Pillen im Schnitt heute viel stärker sind als früher.

Wieso das? Weil es vom Partyvolk offenbar so verlangt wird. Als Ecstasy Anfang der 1990er so richtig bekannt wurde, enthielten die Pillen im Durchschnitt etwa zwischen 60 und 80 Milligramm MDMA – und die meisten Leute haben damals oft nur eine halbe Pille genommen. Durch das Drug Checking wissen wir, dass die Pillen im Raum Zürich mittlerweile durchschnittlich 100 bis 120 Milligramm beinhalten. Sie sind also inzwischen fast doppelt so stark.

Bis zu welcher Menge ist MDMA unbedenklich? Das lässt sich so pauschal nicht beantworten – und zwar bei keiner Droge. Um dies herauszufinden, müsste man gesunden Personen diese Substanzen experimentell in verschiedenen Dosierungen und über unterschiedlich lange Zeiträume hinweg verabreichen, was nicht nur unethisch, sondern auch noch extrem aufwendig und teuer wäre. Ausserdem kann es immer vorkommen, dass eine Person eine unentdeckte Erkrankung des Herzens, der Gefässe oder der Leber aufweist und so bei ihr schon eine sonst meist unkritische Menge einer Droge – oder auch eines Medikamentes – lebensgefährliche Nebenwirkungen auslöst.

Was kann einem Gesunden passieren, der Ecstasy nimmt? Die meisten Personen, die in der Notaufnahme landen, haben ein sogenanntes Serotonin-Syndrom. Beim Ecstasy-Trip wird extrem viel körpereigenes Serotonin ausgeschüttet, was zur Folge haben kann, dass bestimmte Organe im Körper versagen. Oft ist es die Temperaturregulation, was bedeutet, dass die Körpertemperatur wie bei Fieber extrem ansteigt. Das kann Leberversagen oder eine Hirnschwellung zur Folge haben – beides kann tödlich enden. Auch Herzinfarkte und Herzrhythmusstörungen kommen vor.

Was raten Sie, wenn man es trotz dieser Risiken nicht sein lassen möchte? Erst einmal eine halbe, wenn nicht sogar eine viertel Pille ausprobieren. Manchmal wirkt Ecstasy erst nach ein bis zwei Stunden so richtig, deshalb sollte man mit dem Nachlegen dementsprechend vorsichtig sein. Ausserdem auf Alkohol verzichten und auf keinen Fall mit Kokain oder Amphetaminen mischen. Und wer Psychopharmaka oder Antibiotika einnimmt, sollte es ganz sein lassen.

Prof. Dr. Boris Quednow ist Professor für Pharmakopsychologie an der Universität Zürich, unter anderem mit dem Schwerpunkten Behaviorale Neurotoxizität illegaler Substanzen.

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